Thekla Elfriede hatte sich vorgenommen, nur noch ganz selten in den Spiegel zu sehen. Jedes Mal, wenn sie davorstand, hatte sie nämlich das Gefühl, nicht nur sich selbst darin zu entdecken, sondern es mit einer Verspiegelung von Zeitfugen zu tun zu haben. Der fleckige alte Spiegel war dreiteilig und stand in einer Ecke, und in der gegenüberliegenden Ecke befand sich ein dreiteiliger ebensolcher Geselle. Egal, wie sie die reflektierenden Flächen zurechtschob, war sie immer mehrfach darin zu sehen. Sie entdeckte sich in vielerlei Facetten. Und hinter ihr ganze Kolonnen von Thekla Elfriedes. Sie glaubte, hier ihre Vorfahrinnen zu entdecken. Gelegentlich schien sogar irgendwo im Hintergrund ein Mann aufzutauchen. Mütter und Väter, Muttermänner und Vaterfrauen, Männerinnen und Frauern, das ganze machte ihr Angst.
Auch ihr eigenes Bild war fehlerbehaftet, sie verkannte sich selbst - da fehlten die Nase und das Ohr, dafür waren in der geschliffenen Schräge neben jeder Spiegelfläche Augen verdoppelt und verdreifacht oder der Mund zur vielfachen Größe aufgeblasen. Sie war da, und sie war auch nicht da. Sie war zerstückelter als die Picasso‘schen Gestalten und zu raumfüllender Präsenz angewachsen. Sie war Everything und Verything, denn menschlich war sie schon gar nicht mehr in dieser extremen Detailverzupftheit. Wie unter einem Kaleidoskop. Und wenn sie sich bewegte, geriet alles durcheinander. Hinzu kam, dass es auch noch relativ dunkel in dem Raum war, da sie kein grelles Licht auf ihren, wie sie meinte, verkraterten Oberschenkeln ertragen konnte, die sie im Schlafzimmer schonungslos vor sich selbst offenbaren musste, wenn sie in ihr Nachthemd schlüpfte, und somit hatte sie die schwächste Lampe in die Deckenlampe hineingedreht, die sie finden konnte. Das rächte sich nun also.
Was sich im Hintergrund hinter ihrem Bildnis so alles tat, konnte sie nur erahnen, aber immer wieder hatte sie den Eindruck, dass da ein Hin- und Hergehusche stattfand, dass manche Klone sich heimlich über sie lustig machten, während Ahnen aus grauer Vorzeit ihr fröhlich zuwinkten, manche sogar mit einem Taschentuch. Einer der Herren, so glaubte sie, war der übel beleumundete Großonkel, der so ein schlimmer Lustmolch gewesen sein soll. Bevor das ganze Dorf, das ihm auf den Fersen war, ihn lynchen konnte, hatte er das in Eigenjustiz erledigt. Sein Anblick da im Hintergrund war ihr sehr unangenehm, denn er hing da funktionsbereit im Baum. Nach dieser ungefragten Zurschaustellung hatte sie eben auch beschlossen, an den Spiegeln möglichst nur noch blick- und grußlos vorbeizugehen.
Dies ließ sich aber manches Mal nicht so gut bewerkstelligen. Dann nämlich, wenn sie eine Wimper im Auge hatte oder sich ein Pickel auf ihrem Kinn breit machte. Oder wenn sie ein neues Gewand gekauft hatte, und sich darin vor sich selbst bestätigen musste, dass es zu ihrem Schmuck und den Schuhen passte. Dann versuchte sie, die Begegnung so kurz wie möglich zu gestalten, aber die Vorfahren und Alter Egos warteten ja die ganze Zeit nur darauf, dass sie endlich wieder erscheine.
So geschah es dann jedes Mal, dass sie irgendwie das deutliche Gefühl hatte, jemand aus dem Hintergrund sehe sie hypnotisch an, und sie konnte gar nicht anders, als zurückzuschauen. Und dann vertiefte sich der Blick, sie kam nicht mehr los. Die Zeit ging verloren, sie war sich nicht mehr sicher, ob sie jetzt die Thekla Elfriede sei, oder ob sie vor langer langer Zeit lebe und gerade dabei sei, sich mühsam aus einem 148-knöpfigen schwarzen Korsett herauszuschälen, nachdem sie ächzend ihre Reifröcke in die Ecke gestellt hatte.
Alles schien möglich und unmöglich zugleich. Sie wusste nicht mehr, was sie wissen wollte, und wollte nichts mehr wissen, sondern sich nur noch wieder aus dem Gefühl der Lähmung befreien, aber selbst das vergaß sie binnen kurzem. Dann starrte sie gebannt in die dunklen Augen der Person in der siebten Reflexion im dritten Spiegel, und ihre Gedanken wanderten ab, als hätte sie jemand aus ihrem Gehirn gebeamt oder wie bei Harry Potter mit dem Zauberstab herausgezogen, wie gleißende Fäden. An ihre Stelle trat ein sanfter Nebel.
Die Uhren drehen sich in verwirrtem Takt,
Die Realität verblendet den Schrecken, der sie packt.
Ein Fragezeichen schwebt im halbverronn‘nen Licht,
Die Antwort ist verborgen, sie kennt sich selber nicht.
Wie lange sie jeweils vor den Spiegeln stand, wusste sie gar nicht, sie hatte das Gefühl, als seien es manchmal Stunden, und als trete die Person aus dem Spiegel in sie ein und erfülle sie zur Gänze, um in diesen Momenten wieder ein Mensch aus Fleisch und Blut zu sein. Manchmal bemerkte sie, dass sie in den Spiegel geschaut hatte, sich dann aber als nächstes im Bett wiederfand, und sich Stunden später einfach nicht erinnern konnte, wie sie da hingekommen war. In solchen Fällen hatte sie sich nicht umgezogen, trug ihre Tageskleidung und fühlte sich sehr erschöpft und ganz bestimmt nicht, als hätte sie den halben Tag verschlafen.
Von daher fand sie, dass diese Spiegel ihre Wohnung unwohnlich machten. Sie beschloss, die beiden Störenfriede ihres seelischen Friedens mit Tüchern zu verhängen. Für das Abdecken hatte sie von ihren Urgroßmüttern bestickte Tischtücher mit Fransen hergenommen. Dadurch sah es nun aus, als hätte sie an zwei relativ sinnbefreiten Stellen Paravents aufgestellt.
Endlich konnte sie sich wieder frei bewegen, aber in den Nächten schien es ihr, als ertöne aus den Zimmerecken vernehmbares, jedoch unverständliches Gemurmel. Dass es was mit den Heizungsrohren zu tun hatte, schloss sie aus. Im Sommer hatten die sich ja nicht zu mucksen. Eines Tages hatte sie die Nase voll von den Unwägbarkeiten, die ihr im eigenen Schlafzimmer allnächtlich zustießen, hatte genug davon, quasi einen kontinuierlichen Nachtmahr auf sich lasten zu haben. Sie wollte die Spiegel nur noch loswerden, hatte aber Angst davor, Fotos davon zu machen, um sie in einem der bekannten Verkaufsportale einzustellen. Die Ahnen hatten bestimmt nach so langer Zeit Nachholbedarf und würden sie wahrscheinlich schon fast bei lebendigem Leibe verschlingen, wenn sie sich zum Knipsen davorstellte. Also bestellte sie einen Entrümpler. Er würde die alten Spiegel für 50 Euro unbesehen bei ihr abholen.
Als der Mann das Schlafzimmer betrat, scherzte er noch, während sie daneben stand und sich irgendwie außerordentlich unwohl fühlte. Es war so, als würde von allen Seiten an ihr gezogen, als wären unsichtbare Nylonfäden an jeder ihrer Fasern befestigt und als zögen hunderte von bösartigen Händen an ihrem Körper. Ein Stechen und Zerren, ein Vibrieren und Rucken bemächtigte sich ihrer, so dass ihr Hören und Sehen verging und sie dem Entrümpler gar nicht mehr richtig antworten konnte, so war sie abgelenkt und geistig entrückt.
Mit einem Schwung zog der Mann das erste Tischtuch mit den gestickten Pfauen vom Spiegel neben dem Bett. In diesem Moment zersprang die silberhinterlegte Glasfläche mit lautem Knacken in tausend kleine Scherben, sobald das Tageslicht auf sie fiel. Entsetzt wichen beide zurück. Zu spät! Die Scherben spritzten durch die Luft und trafen die beiden Frevler wie ein Regenschauer von nadelspitzen Klingen. Sie wurden vollständig durchbohrt, die Scherben steckten in ihnen wie in täglich neu besteckten Voodoopuppen und brachten beide zu Fall. Der Blutverlust erfolgte so schnell, dass keine Rettung mehr möglich war.
© Manuela Hoffmann-Maleki (Letteratour) – Ich. Einfach unver-besserlich.