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Meine Mutter Anna Irene wurde am 24.10.1930 in München geboren. Ihr Vater Federico war ein in Italien aufgewachsener Schweizer mit Wurzeln in Eggiwil im Emmental, die Ahnen hatten dort ursprünglich natürlich Emmentaler hergestellt. Federicos Familie in Ossolaro, insbesondere sein Cousin, hatten auch mit Käse zu tun, allerdings hieß der dann in Italien Provolone und schmeckte auch anders.  Nur seltsam, dass weder Federico noch seine Tochter, Anna-Irene das Essen von Käse zeitlebens jemals in Betracht gezogen haben.
Der Cousin wurde mit dem Käse übrigens Millionär und später Stifter einer berühmten Geigenbauschule, Federico wurde lieber weniger betuchter Elektrotechniker. D.h. eigentlich wollte er ja Eisenbahntechnik studieren, schrieb sich aber irgendwie verkehrt ein, und dann zog er es halt durch.  Das hat dann auch meine Mutter geerbt. Wer A sagt, muss auch B sagen.
Federico heiratete damals Irene Iris, eine umwerfende amerikanische Schönheit, und somit wurde auch meine Mutter, als Kind zwar noch eine kleine Brillenschlange, später eine ebenso umwerfende Schönheit.
Meine Mutter bekam noch einen Bruder und ein sehr liebes Kindermädchen, und eines Tages fiel sie trotz Kindermädchen von der Schaukel und brach sich den Arm. Das war der Tag, an dem der 2. Weltkrieg begann.
Da es in München bald nicht mehr auszuhalten war, insbesondere, da auch viele gute Freunde Juden waren, zog die Familie nach Tegernsee ins riesige Chalet der amerikanischen Grandma, in dem später jedoch Offiziere einquartiert wurden, so dass das Wohnen im noch bewilligten restlichen kleinen Wohnraum recht ungemütlich war. Somit zog die Familie weiter in die Schweiz, während später im Chalet ein gewisser Stauffenberg sein leider missglücktes Attentat plante.
In der Schweiz blieben die Stauffers tatsächlich ein paar Jahre, meine Mutter ging zur Schule und lernte perfekt schwizerdütsch, da man mit deutscher Aussprache unerwünscht war. Der Vater war inzwischen in Amerika, arbeitete dort und schickte Geld. Die Mutter malte Ölbilder mit Sonnenblumen, die weggingen wie die warmen Semmeln. Damit verdiente sie recht gut für die Kinder, außerdem züchtete sie Hunde, was ebenfalls zum Lebensunterhalt beitrug, sofern sie sich auch von diesen trennen konnte.
Nach ein paar Jahren hieß es dann: kommt rüber nach New York, das ist sicherer. Die 7 Wochen Überfahrt auf dem Meer waren grausam, meine Mutter konnte fast ausschließlich Grapefruit essen, alles andere landete im Meer. Dort landete leider auch der kleine Hund meiner Oma, den sie nach dem Verkauf zurückgekauft hatte, weil er so niedlich war. Er war ebenfalls so seekrank, dass er die scheußliche Fahrt nicht überlebte.
Ein halbes Jahr in Amerika brachte meiner Mutter, einem Sprachennaturtalent, perfektes Englisch ein. (Solche Sprachtalente sind offenbar vererbbar, wofür ich ein besonders gutes Beispiel bin.)
Danach kehrten alle zusammen in ein verwüstetes München zurück. Nach der Handelsschule war meiner Mutter, die in der Klasse einmal den besten Vorschlag für ein Nachthemd gezeichnet hatte, das dann alle anderen Mädels genau auch nähen wollten, klar, dass sie statt im Büro zu arbeiten, lieber Modezeichnerin werden wollte. Dazu besuchte sie dann entsprechende Kurse, nebenbei lernte sie Italienisch und lernte viele hübsche Männer mit feurigen dunklen Augen und schwarzen Haaren kennen, die aber alle nicht bei ihr landen konnten. Sie ging leidenschaftlich gern ins Kino, dank Dauerehrenkarten stets bei den Premieren mit den Stars, sah selbst tatsächlich aus wie ein Filmstar, trug immer allerschönste geschneiderte Eigenkreationen, las jede Menge Ärzteromane, und träumte davon, selber mal einen Arzt als Mann zu haben, verlobte sich aber schließlich mit Leo, einem Segelschiffnarren, der sehr sehr viel älter war als sie, ich glaube 20 Jahre, und die für eine modebewusste, mondäne Frau wenig erbauliche Idee, bzw. den Traum hatte, einen Campingplatz zu eröffnen.
Eines Tages rebellierte ihr Weisheitszahn und bescherte ihr heftige Schmerzen. Leider war Ihr Zahnarzt aber zu beschäftigt, und ihr blieb nichts anderes übrig, als mit seinem noch ganz unerfahrenen Assistenten vorlieb zu nehmen. Kurz darauf wurde Mutti sehr krank, eine Unterleibsgeschichte, die laut Ärzteteam bedeutete, sie könne niemals Kinder kriegen.
Und wer besuchte sie am Krankenbett, brachte Vanillekipferl mit und ass sie vor lauter Nervosität alle selber ganz alleine auf? Der stets sehr hungrige Assistenzarzt mit den dunkelbraunen Glutaugen und den schwarzen Haaren hatte irgendwie erfahren, dass sie im Krankenhaus lag. (In seinem Ahnenpass stand übrigens nichts, was dieses Aussehen gerechtfertigt hätte, eine indische Prinzessin und ein ungarischer Graf irgendwo nur in der Seitenlinie, sonst alle reindeutsch.) Am nächsten Tag kam er schon wieder ins Krankenhaus und hatte als Mitbringsel einen kleinen schwarzen Stoffpudel besorgt. Das rührte meine Mutter sehr. Zwar hatte sie gerade eine Stelle beim Schuhhaus Balli in Zürich zugesagt bekommen, wo sie als Modezeichnerin anfangen wollte, aber sie ließ das sausen und beschloss aufgrund des Pudels nebenbei, lieber Frau Doktor als Frau Campingplatzwart zu werden. Außerdem war der glutäugige schöne Mann an ihrer Seite nur 8 Jahre älter.
Als der frischgebackene Dr. med. dent. Hans-Joachim Hoffmann nach der Heirat am 24. Juni 1958 dann mit ihr zusammen eine Praxis suchte, dabei auf ein Inserat in Lemgo, und - oh Schreck - auch auf eines in Marokko antwortete, beschloss Schwiegervater Federico, dass er besser eingreifen sollte, um seine Tochter nicht so weit fortgehen zu sehen, und fuhr nach Ingolstadt, wo ebenfalls eine Praxis in Bestlage in der Hauptstraße angeboten wurde, und zahlte einfach mal 10.000 Mark für die Praxis an. Nun ja, die gefiel dann auch, und somit zogen sie das auch durch. Seite an Seite, Tag und Nacht zusammen. Mutti spielte ihre Rolle als Frau Doktor neben dem Herrn Doktor mit Bravour und war eifersüchtig darauf bedacht, dass keine andere Helferin eingestellt wurde.
Die Ärzte hatten sich allerdings gründlich geirrt, denn Muttis Bauchschmerzen arteten eines Tages ziemlich aus, und der Grund war zu ihrer großen Freude ich. 1960 war ich dann da, während mein Vater vor lauter Nervosität im Krankenhaus gerade was essen musste.
Wir wohnten in der Praxis, ich musste ganz geräuschlos und allein dort spielen, was nicht so schön, aber anscheinend gut für meinen Verstand war, und irgendwann zählten sie ihr Geld, weil ein schönes Musterhaus zu haben war. Leider reichte es nicht ganz. Sie beschlossen, Lotto zu spielen, ich sollte ein paar Zahlen sagen. Es wurde ein Fünfer. Das war nicht gerade viel Geld, aber insgesamt war es dann ganz genau so viel, wie es nach vielem Feilschen brauchte, um den Bungalow zu erwerben.
1966 zogen wir glücklich ins Haus, und die Sommer waren gefüllt mit dem Duft von frisch gemähtem Gras und Chlor im kleinen Pool, und abends gab es dafür preiswert Tomaten mit Frühlingszwiebeln mit Gänsewein, jahrelang. Als Mobiliar hatten wir Gartenstühle mit gelbem Plastikschnurbezug im Wohnzimmer stehen, und als Teppiche hatten wir billige Flickerlteppiche.
Im Laufe der Zeit zogen richtige Möbel ein, richtige Teppiche, und es gab Braten, Kuchen und für die Eltern Wein.
Meine Großmutter wohnte dann mit im Haus, bis sie nach kurzer Krankheit verstarb. Nun war ich als 13jähriges Schlüsselkind auf mich alleine gestellt.
Meine Eltern genossen das Leben miteinander, angeblich auf meinen Wunsch, mit mir als Einzelkind - sie hatten mich als kompetente Fünfjährige gefragt, ob ich einen Bruder wolle, und ich hatte abgelehnt. Morgens Praxis, mittags kochte meine Schnellköchinmutter in 30 Minuten meist sogar lecker und fantasievoll, dann wurden eine Stunde lang Zahnprothesen gefertigt und Jacketkronen poliert, danach kamen die Nachmittagspatienten, meine Mutter stets freundlich beim Empfang, beim Assistieren, und nebenbei dank Elefantengedächtnis im fröhlichen Plausch mit den Patienten. Es fiel ihr leicht, mit Leuten über deren Familie, und Kinder zu reden, denn sie hatte stets deren Namen, Alter, Hobbies, Krankheiten, Freunde, Bekannte und sämtliche Details aus dem FF parat. Die Patienten fühlten sich dadurch wohl. Abends und mittwochs ganztags war Ausruhen auf der Terrasse oder bergeweise Bücherlesen - ein Familienhobby - an der Reihe, zur Mondlandung war auch ein Fernseher eingezogen, der jedoch nur recht sporadisch flimmern durfte. Ein Telefon bekamen wir erst, als ich circa. 17 war, somit blieb mein Vater des Nachts unbehelligt, denn wenn ein Notfallpatient angerufen hätte, hätte er ihn ja behandeln müssen.
2x jährlich fuhren wir an die Adria. In der Zeit, wo der Magendarmvirus noch nicht bei mir einsetzte, den ich nach 4 oder 5 Tagen unweigerlich bekam, da meine Eltern nicht wussten, dass der italienische Gänsewein aus der Leitung nicht ganz koscher war, verbrachten wir zusammen eine glückliche Zeit und meine Mutter sah gnadenlos gut aus mit ihrem Filmstarlächeln und den bei Sonnenlicht fast türkisfarbenen Augen (bei Regen waren sie grau) und mein Vater trug Kapitänsmütze und wurde mit seiner braungebrannten Haut und seinem südländischen Aussehen für einen Einheimischen gehalten. Italienisch sprach allerdings nur meine Mutter.
Als wir tatsächlich mal in Frankreich urlaubten, war es für mich relativ logisch, dass meine Mutter natürlich auch perfekt Französich sprach. Nur auf Menorca klappte die Verständigung nicht so gut wie in anderen Ländern.
Zu unserer heimatlichen Idylle gesellten sich nun noch Katzen, und als ich auszog, um in München Übersetzerin zu studieren, war meine Mutter stattdessen Mama einer 13-köpfigen Katzenschar. Einige davon begleiteten ihr Leben sehr lange und waren wichtige Persönlichkeiten.
Meine Mutter, die als Twen eigentlich den Ärmelkanal durchschwimmen wollte, da sie eine hervorragende Schwimmerin war, und den Tegernsee locker bewältigte, zog ihre Runden nun im 3x5 Meter großen Pool. Nicht mehr ich tobte am Klavier, sondern meine Mutter. Ihr neuer Traum war, richtig fantastisch Klavier spielen zu können. Leider erreichte sie dieses Ziel nie, das blieb ihrem Vater und seinen Brüdern vorbehalten.
Ein Einbruch bei uns 1979 änderte unser Leben nachhaltig. Wie wir erst mit der Zeit herausfanden, war meine Mutter, wie man heutzutage sagt, traumatisiert. Sie ging daraufhin nämlich nie mehr ins Kino, ins Theater oder abends ins Restaurant aus Angst, so ein Einbruch könne wieder passieren, wenn man ein paar Stunden am Abend nicht da ist. Wenn wir in Urlaub fuhren, mussste jemand anderes im Haus wohnen. Dies setzte sich so fort bis zum Ende ihres Lebens. Wenn sie im Krankenhaus war, musste auch stets jemand jede Nacht als Wache im Haus schlafen. Alles wurde hermetisch abgeriegelt. Meine Mutter entwickelte sich zur Hüterin des Hauses, das Haus beherrschte sie. Vielleicht hätte man das ändern können, wenn man damals beim Wort Therapie nicht gleich an eine Klapsmühle gedacht hätte. So hat sie leider niemand von ihrer fixen Idee abgebracht.
Meine Mutter entwickelte sich zur Einsiedlerin. Mit den Nachbarn sprach mein Vater gerne auf der Straße, meine Mutter saß mit ihrem Buch zu Hause. Eine Freundin in Ingolstadt hatte sie lange Zeit nicht, und als eine Patientin anfing, bei uns ein- und auszugehen, waren die Gespräche außerordentlich vorsichtig, höflich und gute Manieren waren stets das A und O, tadellose Bewirtung mit tagelanger Vorausplanung gingen dem Voran, während mein Vater stattdessen die Abwechslung genoss und mit Gusto sein 6. Stück Kuchen vertilgte (und gemeinerweise niemals zunahm).
An Sonntagen waren tagsüber Besuche bei den Eltern meiner Mutter in München möglich, sofern man vor der Dunkelheit zuhause war.
Als ich, die Tochter, dann den in ihren Augen gänzlich verkehrten Mann heiratete, wurde es ziemlich schwierig. Aber ich zog das durch. 24 Jahre lang. Inzwischen kamen zwei Enkel zur Familie hinzu, die in den Augen meiner Eltern jedoch reichlich spät kamen. Sie waren schon alt und wenig flexibel oder belastbar. Die Dünnhäutigkeit meiner Mutter hatte ohnehin weiter  zugenommen und ihre Gesundheit war ziemlich angeknackst. Jahrelange Hüftschmerzen durch das ständige Stehen in der Praxis gipfelten nach chronischer Bereicherung der Schmerzmittelhersteller schließlich in einem künstlichen Hüftgelenk. 19 Jahre Freiheit waren damals gewonnen, Schwimmen im Pool, Bücher lesen, in Rente gehen, Pool, Bücher, Fernsehen.
Danach musste ein weiteres künstliches Hüftgelenk eingebaut werden, die Basis einer weiteren, nun lebenslangen Lieblingskundenbeziehung mit der Apotheke. Leider hat der Chefarzt das nämlich nicht so gut hingekriegt. Durch ein faustgroßes Loch, das die verrutschende Prothese in den Hüftknochen geschlagen hat, war es extrem schwierig, ein drittes Hüftgelenk nach einem Jahr einzubauen. Mutti konnte danach nicht mehr richtig gehen, verlor Lebenslust und häufig das Gleichgewicht, wurde immer kleiner und schlechter gelaunt. Mein Vater pflegte sie und war immer häufiger im Garten mit Heckenschneiden beschäftigt. Das gibt Kraft und lenkt ab, wie ich inzwischen aus eigener Erfahrung weiß. Die Bücherberge wuchsen, der TV- und Weinkonsum stiegen, Frau im Spiegel hielt Einzug, meine Mutter verfolgte nun plötzlich mit  Leidenschaft das Geschehen in diversen Königshäusern, so wie auch ihre Mutter das getan hatte, solange sie lebte.
Und dann, eines Tages, ich war gerade mit meiner Familie auf Besuch, klagte mein Vater über Hexenschuss. Der sich als Vorbote dessen herausstellte, was ihm zum Verhängnis wurde... Ein Wirbel war zusammengebrochen, zerbröselt, und in der Folge war mein Vater zwei Wochen später plötzlich querschnittegelähmt. Mutti und ich hatten 6 sehr schwere Monate mit ihm. Ich habe ihm bevor er sprach versprochen, mich um Mutti zu kümmern. Immer wenn ich sie aus dem Pflegeheim heimfuhr sagte er zu mir: Vorsicht, kostbare Fracht! Ich habe diese kostbare Fracht fünf Jahre lang umsorgt. Wir haben jeden Tag telefoniert, meist mindestens eine halbe Stunde. Sie wusste jederzeit quasi alles aus meinem Leben, aber ihr Leben wurde immer kleiner und inhaltsloser. So füllte sie es neben für mich relativ uninteressanten Mitteilungen über das Geschehen in den Königshäusern mit eigenen dramatischen Inhalten: Vor vier Jahren stürzte sie spektakulär die Treppe hinunter, brach sich das Rückgrat. Mit vereinten Kräften mit Krankenhaus und Reha haben wir sie wieder auf die Beine gekriegt. Leider hatte sie in der Reha einen Sturz aufs Gesicht hingekriegt, und in der Folge bekam sie nach ihrer Rückkehr nach Hause unter meiner Betreuung eine Gehirnblutung, die sie nach 7 Tagen ins Koma fallen ließ.
Ich habe ihr das Leben gerettet, ich ließ sie operieren. Damit war sie aber nicht einverstanden. Sie fand, es wäre die perfekte Möglichkeit gewesen, zu gehen und ich hatte ihr das vermasselt. Sie hat mir das wohl zwei Jahre lang nicht verziehen. Aber der Doktor hatte Recht gehabt, sie wurde nach der OP wieder so, wie sie vorher gewesen war. Und vor allem: das Elefantengedächtnis kehrte nach der Gehirnblutung unbeeinträchtigt zurück und ließ mich oftmals leiden. Meine Kindheits- und Jugendverfehlungen wurden stetig wieder aufgewärmt und führten zu manch heftigem Wortwechsel. Nun zog bei Mutti eine depressive Phase ein, nichts war mehr schön, Mutti verstand keinen Humor mehr, kein Essen schmeckte mehr, sei es ein liebevoll zubereitetes 3-Gänge-Menü oder Ravioli aus der Dose, und obendrein hörte sie immer schlechter, und so freuten sie nicht mal mehr die Amseln, die nach den inzwischen verstorbenen Katzen ihre neuen Lieblingskinder waren. Weitere Stürze folgten, und aufgrund der Osteoporose war jeder Sturz automatisch auch ein Bruch. Diverse Rippen, zwei mal das Becken, das Schultergelenk und dann war irgendwann auch noch die Rotatorenmanschette am anderen Arm gerissen. Wohl weil sie stetig mit einem Rollator durch die Wohnung schob, und mit einer gebrochenen Schulter das ganze Gewicht mit dem anderen Arm manövriert werden musste. Ihre Knie hatten schon lange knorpellos den Dienst verweigert und waren eine einzige Schmerzenshölle, aber sie wollte keine Operation mehr. So schluckte sie riesige Mengen von Schmerzmitteln, starken und normalen mit bösen im Beipackzettel angekündigten Nebenwirkungen wie z.B. Nierenversagen. Dazu noch zig andere Medikamente. Das Leben drehte sich nur noch ums Pillenschlucken und Augentropfen nicht vergessen, denn 3 Netzhautablösungen kamen auch noch dazu. Bei jedem Anruf aus Ingolstadt schwebte das Damoklesschwert eines weiteren Sturzes über mir, meine Woche sah in etwa so aus: 5 Tage München, 3 Tage Ingolstadt. Nach 3 Tagen hatten wir Streit. Weniger als 3 Tage ging nicht, weil es sonst hieß, nie kümmere ich mich um sie. Ihre Grundstimmung wurde stetig düsterer und Bitterkeit zog ein. Ihre Haushaltshife war ihr Jahr und Tag eine treue Seele, aber letztendlich wurde die Hausherrin zu schwierig. Aus dem Haus auszuziehen war für sie niemals eine Option. Die letzten 3 Monate ging es meiner Mutter dank neuem Personal stimmungsmäßig deutlich besser, sie blühte geradezu auf, verbrachte die Tage nicht mehr ausschließlich im Wohnzimmer bei zugezogenen Vorhängen, sondern saß auf der Terrasse, spielte mit uns sogar Rummikub, sah den für sie nahezu geräuschlosen Vögeln zu, wie sie scharenweise im Feuerdorn zu Gast einflogen und liebte ihre grüne Gartenoase mit den schönen Blumen. Aus gebührender Ferne, um nicht hinzufallen.
Trotzdem hörte ich fast täglich: warum muss man ewig leben? Kann man nicht einfach irgendwann nicht mehr aufwachen? Warum kann man nicht einfach gehen? Meine Besuche waren zudem leider meist mit Arztbesuchen verknüpft, da ihr Körper beschlossen hatte, die massenhafte Einlagerung von Wasser sei eine gute Möglichkeit, neuerliches Ungemach zu schaffen. Zwei Krankenhausaufenthalte von zehn bzw. sieben Tagen brachten das wieder auf Normalmaß zurück. Wir waren der Meinung, beim nächsten Mal schaffen wir das in ebenso. Dieses nächste Mal kam am 23. Juli. Mutti wollte partout nicht ins Krankenhaus, aber ihr Zustand machte es erforderlich. Im Laufe des Tages zeigte sich leider, dass die Nieren überhaupt nicht mehr funktionierten. Ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Nach zu langem Zögern entschloss sich meine Mutter endlich, probeweise eine einzige Dialyse zu machen. Leider war diese nicht erfolgreich. Ich habe sie fast die gesamte Zeit ihres Krankenhausaufenthalts bis zum Ende auf ihrem letzten Weg begleitet. In den letzten Studen waren unsere Seelen so vereint, dass Mutti auf meine Gedanken reagiert hat, ohne dass ich sie aussprechen musste.
Am 25. Juli um 3:42 Uhr morgens blieb ihr zähes, trotziges Herz stehen, und ihr jahrelang geäußerter inniger Wunsch, endlich nicht mehr hier sein zu müssen, ging in Erfüllung. Wir haben auf liebevolle und gute Weise von einander Abschied genommen und ich bin überzeugt, dass ihre Seele mit Freuden das Tal der Schmerzen hinter sich gelassen hat und frei und unbeschwert auf die Reise gegangen ist. Liebe Mutti, ich danke Dir für Dein stetes türkises Augenmerk, Dein Aufpassen auf mich, Dein von Dir so genanntes Watching Eye, mit dem Du mit dem Umweg über mich, auch auf meine Kinder, Deine Enkel, geachtet hast und täglich an ihrem Leben teilgenommen hast.
Liebe hat viele Formen, die nicht für jedermann auf den ersten Blick erkennbar sind. Aber sie ist da und wirkt im Hintergrund, zieht ihre Fäden, lenkt und leitet, und ist der allumfassende gemeinsame Nenner. "Man sagt sowas nicht", habe ich zu Hause gelernt, aber doch, ich sage es ab heute trotzdem, wenn es wahr ist und gesagt werden muss: ich liebe Dich.
Und: als Du damals ins Koma befallen bist, sagtest Du kurz davor zu mir: "Du bist jetzt ich." Ja, jetzt ist das auch irgendwie so. Ich führe Dein Leben fort. Ich laufe seit heute in Deinen Schuhen. Ich habe mir das Wasser in Deinem Pool eingelassen, das über 7 Jahre versiegt war, und ich bin in Deinem Badeanzug drin geschwommen. Bei 16 Grad. Aber es war schön, und hat mich an glückliche Tage erinnert. Ganz lebhaft. Ich habe heute beschlossen, glücklich zu sein! Du bist frei und heimgekommen. Und ich bin frei. Allerdings nach Hause kommen kann ich jetzt nie mehr.


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