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Letteratour - Manuela Hoffmann-Maleki

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Der Ring mit den blauen Steinen
03.02.2025 10:30

Es war einmal ein Ring, nennen wir ihn Annello, der war mit anderen Ringkollegen in einer kleinen Fabrik in Idar-Oberstein hergestellt worden. Es war ein wunderbarer Ring mit durchsichtigen klaren hellblauen Steinen, und außen um die Steine trug er eine wunderbare silberne Einfassung. Hinten war er verstellbar, so dass er auf viele verschiedene Finger passen könnte. Leider musste die Fabrikbesitzerin aber die Fabrik schließen, und der Ring landete in einer Schublade, wo er jahrelang im Dunkeln mit seinen Kollegen traurig wartete und sich richtig nutzlos vorkam.

Eines Tages sagte die ehemalige Inhaberin der Fabrik, die inzwischen in München wohnte: Heute probiere ich es einmal mit einem Flohmarkt. In einem großen roten Gebäude, wo normalerweise Konzerte und Theaterstücke stattfinden, war heute die Möglichkeit geboten, einen Tisch aufzustellen und Dinge aus dem Haushalt zu verkaufen oder anderes, das man nicht mehr brauchte.

So lag der Ring da endlich mal bei Tageslicht in einer schönen kleinen Schatulle mit Glasdeckel und staunte von unten heraus auf die Menschen, die vorbeigingen und ganz sicher viele Finger hatten, wo er doch garantiert hingepasst hätte. Aber niemand blieb stehen und sah Annello an. Alle wollten nur möglichst billig schicke Klamotten oder Spielzeug für ihre Kinder. Schmuck war ihnen doch viel zu teuer. Und an diesem Stand gab es ganz viele Schmuckschatullen. Professionelle Verkäufer wollte sowieso niemand unterstützen. Obwohl die Frau alt war und sehr freundlich aussah, hielt ein jeder sie für eine Geschäftsfrau.

Auf einmal blickte der Ring, der schon langsam Angst bekam, am Abend wieder für die nächsten zwanzig Jahre in der blöden alten Schublade zu liegen, nach oben, weil ein Schatten über ihn fiel. Und tatsächlich stand da eine Menschin. Eine Menschin mit leuchtenden Augen, in die gerade die Sonne von draußen hineinglänzte, und in den Sonnenstrahlen verwandelten sich ihre sonst braunen Augen in ein leuchtendes Grün, das nur so blitzte. Er fühlte sich sofort ganz seelenverwandt. Er hatte so eine Farbe der Glückseligkeit und ihre Augen auch. Hellblau und dieses Grün. Spontan hatte er sich so dermaßen verliebt, dass ihm ganz schwindlig wurde vor lauter Herzklopfen.

Und da hatte auch die Menschin ihn entdeckt und sagte, ob sie ihn mal anprobieren dürfte? Sie durfte, und gerne, denn bisher hatte ja gar niemand den Schmuck der Verkäuferin überhaupt ansehen wollen. Die Menschin betrachtete den Ring erst lange auf der flachen Hand und fand ihn unglaublich schön. Vor zwanzig Jahren hatte sie einen Ring gehabt, den sie von einer Tante geerbt hatte. Der lag dummerweise im Bad, als sie eine Party veranstaltete. Und danach war er weg. Er kam nie wieder zurück. Auch jener Ring hatte mehrere Steine nebeneinander gehabt, wie dieser. Wenn auch in dunkelblau und in einer goldenen Fassung. Da die Menschin sich den Finger einmal in der Tür gequetscht hatte, hatte der Ring Schaden genommen. Er war vom Türrahmen verdellt worden und musste aufgesägt werden. Darum hatte er an der Rückseite eine Öffnung. Genau wie dieser Ring.

Spontan hatte sie eine große Sehnsucht gepackt. Irgendetwas sagte ihr, dieser Ring wäre endlich ein würdiger Nachfolger. „Hoffentlich passt er mir!“ Sie steckte ihn an und der Ring schmiegte sich an sie und liebkoste ihren Finger und strahlte sein schönstes Strahlen, damit sie ihn ganz bestimmt auserwählen würde. „Bitte bitte, nimm mich!“, flehte er sie an. Und da fragte sie auch schon die Verkäuferin, was der Ring denn kosten sollte. Die Verkäuferin machte es spannend. Sie erzähle von der Fabrik in Idar-Oberstein, die sie hatte schließen müssen und von ihrem Mann, der gestorben war und… „Oh weh – jetzt verlangt sie einen Preis, den ich nicht zahlen kann!“, dachte die Menschin, und war schon bereit, „OK, dann halt nicht, danke, schönen Tag noch!“ zu sagen und den Ring zurückzulegen, da meinte die Verkäuferin mit liebevollem Blick: „Ich glaube, sie sind ein besonderer Mensch. Ich sehe es an ihren Augen. Ich möchte ihnen den Ring gerne schenken. Aber dann hätte ich heute hier gar nichts verdient. Die verlangen 35 Euro Standgebühr, und ich habe keinen einzigen Ring verkauft heute. Vielleicht, wenn sie mir die 35 Euro geben, wäre das in Ordnung für mich!“

Die Menschin hätte nie geglaubt, so einen wunderschönen Ring für so wenig Geld zu bekommen, und war sofort bereit, diesen Betrag zu zahlen. Sie wünschte der Verkäuferin noch viel Glück und diese sagte ihr: „Aber bitte, passen Sie gut auf ihn auf. Verlieren Sie ihn bitte nie!“ Und bei sich dachte sie: „Die beiden sind so ein schönes Paar. Die gehören einfach zusammen!“

So gingen die Menschin und Annello miteinander nach Hause und lebten glücklich und zufrieden bis an ihr seliges Ende…. - Halt, stopp! So geht das nicht! Es wäre schön, aber so ist es nicht. Und dies hier ist kein Märchen, sondern eine wahre Geschichte. Und in dieser wahren Geschichte verbrachten die beiden etwa sechzehn Jahre miteinander und erlebten viele Abenteuer. Annello war glücklich, denn er sah so viel von der Welt und bereute keine Sekunde, sich in die Menschin, nennen wir sie Manuela, verliebt zu haben. Im Gegenteil liebte er sie jeden Tag mehr, denn sie passte gut auf ihn auf, putzte ihn regelmäßig mit einer weichen Zahnbürste, legte ihn immer sicherheitshalber weg, wenn sie zum Duschen ging, und trug ihn sonst Tag und Nacht. Kurzum – er führte ein Traumleben für einen Ring. Geschätzt, geliebt, und oft bewundert. Er sah viele schöne Plätze auf der Welt und liebte das Lachen und die blitzenden Augen von Manuela.

Doch eines Tages fragte er sich, warum sie ihn eigentlich immer weglegte, wenn sie Duschen ging. Er wollte auch mal wissen, was das eigentlich ist, das Duschen. Er konnte sich gar nichts drunter vorstellen. Er sah, dass Manuela manchmal mit nassen Haaren zurückkam, und jedes Mal war sie nach dem Duschen nackt. Mal im Bademantel, mal ohne. Aber was da wirklich passierte, konnte er sich überhaupt nicht ausmalen. Nur, dass es ihr offensichtlich guttat und sie hinterher immer sehr munter war, war ihm aufgefallen. Und da beschloss er ganz spontan, er wolle das mal erkunden.

Als sie ihn diesmal nach dem Duschen wieder anziehen wollte, kam sein großer Moment. Sie hatte ihn auf das Bett ihrer Ferienwohnung auf einer ihrer vielen Reisen gelegt, und irgendwie war sie heute nicht ganz bei der Sache. Annello war mit den Jahren so selbstverständlich geworden, dass sie ihn gar nicht mehr so liebevoll anschaute und heute gar nicht mal hinschaute, was sie da machte. Automatisch langte sie mit der linken Hand auf die Matratze, um ihn zu greifen, und da kollerte er einfach hinunter. Sie hörte ein Geräusch, es klapperte, aber sie hatte nicht gesehen, wo er hingefallen war und konnte ihn einfach nirgendwo entdecken.

Das Herz war ihr in die Hose gerutscht, die sie in diesem Moment nicht mal anhatte, so frisch geduscht. Im Evaskostüm suchte sie am Boden, überall neben dem Bett, hinter dem Bett, am Rande des Bettes… Mit einer Taschenlampe leuchtete sie auch unter das Bett, aber da sah sie nur, dass dieses seitlich mit einer Latte endete, und er da eigentlich nicht sein könnte. Trotzdem holte sie ein Messer und kratzte unter der Latte entlang. Aber nein. Annello war einfach weg.

Manuela war sehr traurig und vermisste ihren Annello furchtbar. Sie befühlte mit den Fingern immer wieder die leere Stelle am Finger, wo Annello fehlte. Die leuchtete ganz weiß, denn rundherum hatte die Sonne drauf geschienen. Sobald Manuela Zeit dafür hatte, zog sie die Schubladen unter dem Bett auf, die mit den Dingen der Wohnungsbesitzerin gefüllt waren. Leider blieb ihr nichts anderes übrig, als diese komplett leerzuräumen, denn es konnte ja sein, dass Annello von der Matratze direkt auf den Lattenrost gehüpft sei, und von dort aus hinunter in eine der Schubladen. Als aber alles herausgeräumt, ausgeschüttelt, ordentlich zusammengefaltet und wieder zurückgelegt war, musste Manuela sich eingestehen, dass ihre Suche ihr gar nichts eingebracht hatte. Auch hatte sie den gesamten Boden mit dem Besen gekehrt und ganz genau geschaut, dass sie nicht aus Versehen doch irgendwo mit einer Wollmaus den Ring zugedeckt hätte, aber nein, er war einfach fort.

Das Herz war ihr schwer und viele Tage vergingen. Irgendwann hielt Manuela es nicht mehr aus und kaufte sich einen anderen Ring, der schön war, aber nicht so zu ihr sprach wie Annello. Außerdem passte er nur an einen Finger. Es fühlte sich besser an, wenn der Finger nicht so nackt war, aber richtig glücklich war sie nicht. Annello war wie ein Teil von ihr geworden, und sie konnte sich nicht vorstellen, wo er hingegangen war, und warum.

Annello hingegen hatte ganz vergessen gehabt, dass er ohne Manuela gar nirgendwo hingehen konnte. Was eine Dusche ist, hatte er immer noch nicht erfahren. Er hatte sich in eine sehr blöde Lage manövriert und weinte leiste vor sich hin, konnte aber keinen Ton hervorbringen, den Manuela hätte hören können, die jede Nacht über ihm schlief. Er hörte sie ihren täglichen Verrichtungen nachgehen, sie kam, sie ging, sie schlief, sie duschte, aber er konnte nichts sehen und nichts erleben und bereute bitter, was er getan hatte.

Eines Tages fiel Manuela im Halbschlaf ein Buch herunter. Es fiel so merkwürdig hinunter, dass es ebenfalls in diesem gefräßigen Bett landete. Manuela hatte enorme Schwierigkeiten, das Buch wieder zu bekommen, obwohl es so groß war. Naja, buchförmig halt, und relativ leicht zu sehen. Sie konnte aber einfach nicht hinkommen. Es war mittig ins Bett unter den Lattenrost gefallen, weil hier am oberen Bettende ein kleiner Spalt klaffte, und genau durch diesen war die Bettlektüre hinuntergestürzt. So musste Manuela die obere Matratze auf den Boden manövrieren und die untere so gut es ging, wegschieben, denn sie war viel zu schwer, um sie herunterzuheben. Und sie musste sich schließlich sogar unter den Lattenrost zwängen, um das Buch endlich mithife eines Schöpflöffels zu fassen zu bekommen und herauszufischen.

Als sie schnaufend und zitternd vor Anstrengung neben dem Bett stand, zerkratzt und völlig aufgelöst vor Aufregung, entdeckte sie, dass sie die Matratze so verschoben hatte, dass sie diese von der anderen Seite zurückwuchten müsste. Also balancierte sie über die zweite am Boden liegende Matratze hinüber auf die andere Seite des Zimmers, quetschte sich zwischen Bett und Wand und versuchte, mit dem Bauch die Matratze wieder hinüberzuschieben.

Doch was war das? Auf der anderen Seite glänzte irgendwas im Bett. Was mochte das sein? Es war klein und rund! Das konnte doch Annello sein! Annello, bist du es? Sie konnte gar nicht schnell genug auf der anderen Seite sein, um sicherzugehen, dass er es war. Ja, wirklich, das war er. Annello war gefunden! Er hatte sich auf dem Lattenrost aufgestellt, stand senkrecht mit den Steinen nach unten auf der braunen Holzlatte und über ihm befand sich ein weiteres Brett vom Bettrahmen. Er war vollkommen verkeilt und klemmte Kopf nach unten in dieser misslichen Lage. Und bestimmt hätte er da die nächsten zwanzig Jahre oder mehr in genau dieser Position verbringen müssen, wenn nicht das Buch hinuntergefallen wäre.

Annello war so froh, wieder nach Hause zu kommen, und Manuela war so froh, ihren lieben Annello wieder zu haben, und Blau blickte in Grün und Grün blickte in Blau und beide leuchteten um die Wette! Was für ein wundersames Glück!

Annellos Platz an der Hand war inzwischen besetzt. Aber Annellos Spezialität war ja, dass er auf jeden Finger passen konnte. Und so bekam er einen Platz daneben, von dem aus er nun ein bisschen eine andere Perspektive als sonst hatte, was ihm wie eine Beförderung vorkam Und allein war er auch nicht mehr, denn er hatte nun einen liebenswerten Nachbarn, der auch drei schöne leuchtende Steine hatte und mit dem er sich ganz leise unterhielt, während Manuela schlief. Was das mit der blöden Dusche auf sich hatte, die an allem schuld war, wollte Annello gar nicht mehr wissen, und wahrscheinlich würde er es auch nie erfahren. Aber sein Leben war wieder in Ordnung. Er wurde wieder geliebt und geschätzt, er sah die Welt, er genoss das Leben, und auch für Manuela war die Welt wieder im Lot und ihre Augen blitzten vor Lebensfreude und Dankbarkeit.

© Manuela Hoffmann-Maleki (Letteratour) – Ich. Einfach unver-besserlich.

 

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