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Letteratour - Manuela Hoffmann-Maleki

27
Das schwarze Tier
27.03.2025 20:39

Die Sonne stand tief und gleich würde es dunkel werden. Die Hunde bellten den Abend in den Schlaf, ließen ein brüchiges Gutenachtlied für die Insel und ihre Bewohner erklingen, oder vielleicht sprachen sie auch nur miteinander oder sich selbst. Seltsame Hundenamen wurden zwischendurch von groben Männerbässen oder schrillen Frauensopranen gebrüllt. Bald würde es friedlicher und kühl werden.

Valeria saß auf der Terrasse und sehnte sich nach einer Jacke, aber sie konnte nicht aufstehen. Das große Tier saß auf ihren Beinen und machte es unmöglich, aufzustehen. Niemand war da, den sie hätte fragen können, dass er ihr irgendetwas Warmes hinausbringt, vielleicht die schöne hellblaue Flatterjacke oder wenigstens den warmen dunkelroten breiten Schal für die Schultern. Ihr Glas war auch leer, sie hatte Durst.

Und vor allem hatte sie Angst. Das schwarze Tier war unglaublich schwer. Es lag jetzt quer über ihr. Sie war in ihrem hölzernen Terrassenstuhl hinuntergerutscht, weil es ihr die Brust abdrückte. Auf der linken Seite klopfte sein Schwanz wild und nicht unbedingt rhythmisch auf ihren Brustkasten und feuerte Panikschübe durch ihren Körper. Seine Schnauze lag quer über ihrem Gesicht. Sein feuchter, übelriechender Atem nahm ihr die Luft, und sie traute sich nicht, den Mund zu öffnen, um besser atmen zu können, denn seine Lefzen geiferten ihr auf die Lippen.

Ihre Hände konnte sie auch nicht bewegen, seine schweren Pfoten lagen über beiden Armen, und sie bekam sie nicht mehr hoch. Demütig lag sie unter der schweren Last und hoffte, dass diese Situation vorbeigehen würde. Ein Schmerz war da, der wild und rau war wie die Stimmen der Kläffer da draußen. Eigentlich fast so, als wäre Valerias ganzer Körper ihren Mäulern ausgeliefert. Als hätten sie alle zugebissen und zerrten an ihr, jeder in eine andere Richtung, aber alle kontinuierlich gleich schlimm.

Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, sie fühlte ihn und gleichzeitig fror sie, weil nun die Nacht begann, sich herabzusenken. Sobald die Sonne hinter der Mole verschwunden war, wurde es sofort um mehrere Grad frischer.

Dieser Hundeschwanz machte ihr am meisten zu schaffen, er schlug einen irrwitzigen Takt auf ihre linke Seite und das schmerzte grässlich. Sie konnte nicht rufen: hör auf! Hilfe, hilft mir bitte jemand! Por favor! Ayudo! Der Geifer auf ihrem Mund verhinderte, dass sie den Mund öffnen konnte. Er war wie zugeklebt. In ihrer Kehle bildeten sich die Schreie, aber sie gelangten nicht hinaus. Nur ein gedämpftes hilfloses Geräusch ihrer Ohnmacht drang an die Oberfläche, aber der Dieselmotor des LKWs da unten übertönte sie, und die Hundesymphonie hätte diese schwachen Winseltöne ohnehin ungehört überdeckt. Die Menschen hier waren an Lärm gewohnt.

Der Dieselgestank wehte zu ihr hoch und verschlimmerte die Atemnot um ein Vielfaches. Eine der Pfoten des Riesentiers lag nun auch noch zentnerschwer auf ihrer Kehle. Ihr Bauch hatte nachgegeben, die schwere Last hatte ihre Blase ungewollt entleert, sie spürte, wie es floss und konnte nichts dagegen tun. Ein friedliches Orange bedeckte noch den Himmel, durchzogen von tiefdunkelblauen Wolkenbahnen. Das Meer konnte sie aus ihrer Perspektive nicht mehr sehen, aber dass die Markise löchrig und fransig war und nur noch der untere Teil der Einfassung dem ganzen irgendwie eine Gestalt verlieh. Dann ergab sie sich ihrem Schicksal.

© 2025 Manuela Hoffmann-Maleki (Letteratour) – Ich. Einfach unver-besserlich.

 

Der Ring mit den blauen Steinen
Als der Boden Risse bekam

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