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Letteratour - Manuela Hoffmann-Maleki

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Ap
Als der Boden Risse bekam
01.04.2025 16:40

Dreimal dürft Ihr raten, welcher Tag das wohl war… Ich war noch sehr klein, vielleicht drei oder vier? Mein Vater wollte plötzlich unbedingt, dass ich alleine losgehen sollte: Aus dem Haus raus, siehst du da drüben? Neben dem Kaufhaus Merkur, da ist eine Apotheke. Da gehst du hin und holst eine Flasche Ibidum. Wenn du das trinkst, wirst du schlau. Wir können jetzt nicht, also musst du gehen.

Ich war noch viel zu klein, um zu verstehen, dass der Name des Elixiers irgendwie komisch war, aber ich führte mich voll überfahren. Ich war noch nie allein hinausgegangen, ich wusste nicht, was eine Apotheke ist, ich würde bestimmt dort nicht mehr wissen, was ich bringen soll und nie nie nie wieder würde ich nach Hause finden.

Meine Synapsen liefen Amok. Sie blitzten und ratterten und stoben Funken, es gab eine Explosion. Licht aus! Ich tat das einzig richtige: Ich fing an zu heulen. Ich warf mich auf den Boden und heulte. Ich schützte meinen Kopf mit den Ärmchen und lag da bäuchlings in meinem Elend. Ich konnte das nicht! Ich hasste meinen Vater, der so was von mir wollte! Papa und Mama lachten. Ich hasste meine Mutter, weil sie über mich lachte!

Vielleicht, rückwirkend betrachtet, fanden sie mich ja süß, wie ich mich da verzweifelt am Boden wand und weinte. Jahre später erzählte mein Vater mir wiederum grinsend, wie ich nicht gegangen bin, das Ibidum zu besorgen, und – inzwischen war ich auch ohne Schlaumachersaft clever genug (altklug nannte man mich dauernd) und bestimmt nicht durch solch eine Verhohnepipelung hereinzulegen – ich wünschte mir, ich hätte schon damals begriffen, dass man mich an der Nase herumführen wollte. Hatte ich aber nicht. Ich hatte bemerkt, dass etwas hier nicht stimmte, dass ein grober Missklang in meine heile Welt eingetreten war. Ich wusste nicht, was es war, nur dass es völlig falsch war. Als älteres Kind konnte ich das jüngere Selbst aber nicht mehr verstehen.

Die kleine Manu war damals völlig überfordert von dem, was man von ihr verlangte. Ich war doch kein selbständiger Mensch! Ich war eher wie eine Zelle in einem größeren Körper, die nichts selbständig tat, die nichts selbständig konnte, und das auch nicht sollte oder musste. Ich war einfach nur ein kleines Fleischstückchen, noch quasi ohne Hirn, das sich ansonsten wohl fühlte und fröhlich war.

Irgendwas in mir war kaputtgegangen. Unverhofft war etwas in mein Leben getreten, das mir die Fröhlichkeit nahm. Das in mir Zweifel und Wut und Hass aufkommen lassen hatte. Ich war nicht gut, ich war nicht richtig, ich war lächerlich, meine Eltern lachten mich aus. Meine runden Augen formten sich zu Schlitzen, durch Schutzschilde sah ich die Welt hinter einer Jalousie aus Zorn und Gekränktheit, Enttäuschung und Entfremdung mich blenden.

Aber ich wollte mich nicht mehr blenden lassen. Ich nahm trotzig Abstand. Ich betrachtete die anderen plötzlich als Fremde, die gar nicht zu mir hielten. Auf einmal war ich allein. Manuelchen gegen den Rest der Welt! Die Farben verschwammen. Der Knacks war dauerhaft. Die heruntergelassenen Jalousien auch.

Mandelaugen sagte der Opa, der eine Insel der Liebe war. Der nicht über mich lachte. Bei ihm konnte ich noch sein wie ich gedacht war. Gelegentlich fuhren wir zu ihm und der lieben Omi. Zuhause aber war ich schweigsam geworden und vorsichtig. Ich war zu Besuch in meinem Leben. Da hatten sich im Boden morsche Bretter gezeigt, die durchbrechen konnten. Ich schlich behutsam herum und sah ernst zu, wenn meine Eltern sprachen. Die spielten ein Spiel, aber ich wollte nicht, dass mit mir gespielt wird. Ich hatte beschlossen, ich gehörte jetzt nicht mehr dazu. Ich war jetzt ein Ich geworden. Und die anderen waren Nicht-Ichs. Ich musste auf mich selber aufpassen. Die taten es nicht.

 

© 2025 Manuela Hoffmann-Maleki (Letteratour) – Ich. Einfach unver-besserlich.

Das schwarze Tier

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