katastrophentexte 

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Und doch, manchmal... am Abend... ist alles gut und die Welt in Ordnung. Dann mache ich ein dickes Kreuz in meinem Kalender. Zuletzt war das zum Beispiel am... (blätter) (blätter) (blätter). Hm, den Kalender vom letzten Jahr habe ich leider irgendwo da hinten im Schrank.

 

 

Orakel von Delphi

Von letteratour, 08:46

4.10.2016 – merkwürdiger Traum am Morgen:

 

Ich träumte heute morgen direkt vor dem Weckersignal, ich hätte meinem Sohn die Geschichte des Orakels von Delphi erzählt. Dort hätte das Orakel jeden Morgen an die Außenmauer des Tempels einen Orakelspruch geschrieben.

 

Eines Tages beschloss Zeus, dass der Sohn einer Mutter geopfert werden solle. Das Orakel schrieb an dem Morgen an die Wand des Tempel „Delri“, in griechischer Schrift, was soviel bedeute wie „Er ist vorgesehen“. Als die Mutter das las, erschrak sie furchtbar und kratze mit aller Kraft den ganzen Tag lang an dem Buchstaben „r“, bis da stattdessen stand „Delfi“, was soviel bedeutet wie „Er war vorgesehen gewesen“.

 

Als die Götter gen Abend kamen, um das Tagesorakel wahr werden zu lassen, deuteten sie es so, dass der Sohn zu verschonen sei. Da aber das Schicksal unerbittlich ist, entstand auf den Mauern als Orakel des folgenden Tages wieder das Wort „Delri“, und so fort, das ganze Leben der Mutter lang, und jeden Tag kam die Mutter und kratzte verzweifelt aus dem r ein f. Sie starb in Frieden an dem Tag, als der Tempel zerstört wurde und nun stehen da nur noch Ruinen.

 

Da ich in meinem Traum Zweifel an meiner Version der Geschichte bekommen hatte, schlug ich nach, wie die Geschichte denn tatsächlich verlaufen sei, und las dort, es sei gar nicht das Wort Delri/Delfi gewesen, was da an der Mauer gestanden habe, sondern der Satz „Uriti uri“, der bedeute „Ich opfere ihn“. Stattdessen habe sie diese Wörter durch ihre Bemühungen täglich in „Upiti ubi“ verwandelt, was bedeute „Ich liebe Dich“.

 

 

 

Nach dem Aufwachen habe ich Delphi und das Orakel in Delphi gegoogelt. Tatsächlich ist von so einem Mythos überhaupt nichts überliefert, ich habe sowohl die Geschichte wie auch die griechischen Wörter im Traum frei erfunden. (Ich kann ohnehin überhaupt kein Griechisch)

Ein sehr inhaltsschwerer Traum! Ich habe ihn direkt meinem Sohn erzählt.

 

Das mit den Zahlen

Mittwoch, 28. Oktober 2009

 

Heute bin ich leidgeplagt zur Massage/Krankengymnastik geschlichen und musste dort erstmal warten. Also hab ich die bereitliegende Uralt-PM durchgeblättert und stieß dabei auf einen Artikel, in dem es darum ging, ob es wirklich Zahlen gibt, die so richtig Unglück bringen.

 

The number of the beast 666 sei ursprünglich als Code für den Namen Kaiser Nero (auf Latein) errechnet worden. So konnte man über ihn lästern, ohne ihn zu erwähnen.

 

Die 13 brächte Unglück, weil so viele einfach glauben, dass ihnen was zustößt, wenn sie etwas am 13. unternehmen oder als 13. Gast auf der Party erscheinen – anscheinend gibt es ja in vielen Gebäuden auch gar keinen 13. Stock oder in Hotels kein Zimmer 13: sicher ist sicher! Wer einen Boarding Platz für die Reihe 13. kriegt, wurde sicherlich Opfer eines ganz hinterlistigen Betrugs – die Reihe wird er nämlich vergeblich suchen. Und statistisch gesehen passieren am Freitag den 13. auch eineinhalb so viele Unfälle wie sonst.

 

Die Pythagoräer ordneten die Zahlen übrigens nach weiblich (gerade) und männlich (ungerade), ist natürlich die Frage, welche nun unheilvoller sind (und für wen).

 

Die „Verschwörungzahl 23“, die besonders seit dem 11. September (11+9+2+0+0+1) wieder sehr im Schwange ist, sei so schlimm, weil sie eine Zahl über der Idealzahl 22 sei. Was an der Zahl jetzt so ideal sei, stand da aber nicht. Sie sieht aber schön aus, finde ich. Wie zwei Schwäne.

 

Es gibt übrigens eine ganze Reihe von Leuten, die sich nicht nur absichtlich Zahlen als Bilder merken und sie sich so viel besser merken können, sondern die überhaupt statt Zahlen Farben sehen oder die Zahl erscheint ihnen in einer bestimmten Farbe. Ich habe zwar auch spezielle synästhetische Verknüpfungen vieler Dinge, Musiknoten und Menschen mit Farben in meinem Kopf, aber mit Zahlen habe ich echt ein Problem. Wäre schön, wenn jede 1 leuchtend orange und jede 9 aquamarinblau erschiene usw., vielleicht wäre ich dann in der Lage, mir meine Kreditkartennummer wie einen Regenbogen zu merken, aber: ist nicht. Naja, vielleicht könnte ich auch meine Lieblingsfarben grün und safran nicht ausstehen, weil ich die so oft als Noten meiner Kinder sehen müsste?

 

Die Zahl 22 ist übrigens laut Stupidedia so zustande gekommen:

„22 verdanken wir einem, bis dato unbekannten aber genialen Milchmann, der sich am Abend des 31.12.1921 Gedanken darüber machte, was denn am nächsten Tag sei. Da die Zahl 13 noch nicht erfunden war, konnte man keinen 13. Monat einführen, somit beschloss der Milchmann eine Zahl einzuführen, die die Welt in Staunen versetzen würde.

 

Er überlegte noch lange in die Nacht hinein (Anm.: Somit war der Beginn des Jahres 1922 noch ohne Jahreszahl) und kam nach langen, mathematischen Studien durch eine nahezu brillante Weise auf eine Lösung: 22“

 

 

Die Verschwörungszahl ist übrigens nicht, wie immer geglaubt, durch die Illuminati (gegründet von einem Mann aus Ingolstadt) als solche ausgedacht worden, sondern stammt wohl aus der Feder von William Burroughs, der sie in einer Kurzgeschichte als so besonders übel herausstellte.

 

Die 11 dagegen ist die Zahl der Sünde, weil es nämlich nur 10 Gebote gibt, ist das doch zwangsläufig die logische Konsequenz. Also: 11.11. um 11:11 Uhr = pfui, schämt Euch!

 

Zahlen verfolgen mich anscheinend diese Woche..B. Wurde ich doch am Samstag von meiner Mutter belehrt, dass sie in der Schule die Nachkommastellen der Zahl Pi (wo auch immer die auf meiner Tastatur sein mag) mit hilfe eines französischen Spruchs lernen musste „Que j’aime à faire apprendre ce nombre utile aux sages“. Das ist der erste Spruch. Es folgen noch ein ganzer Haufen weiterer. Dieser Spruch steht erstmal für 3,1415926535, man muss halt die Buchstaben der einzelnen Wörter zählen. Wenn Ihr es wissen wollt, wie es weitergeht, könnt Ihr aus dem Internet ja die restlichen 10 Millionen Stellen ausdrucken.

 

Des weiteren kamen wir auch wieder darauf zu sprechen, wie R., als er klein war, ständig gezählt hat. Als erstes fiel es einer Bekannten auf, als R., der kaum ohne zu stolpern gradeaus laufen konnte, ihr mitteilte, die Hängebrücke auf dem Spielplatz habe 24 Bretter. Sie war bass erstaunt, zumal ihre gleichaltrige Tochter kaum wesentlich weiter als bis 3 zählen konnte. Sie hat gleich nachgezählt und festgestellt, dass er sich um ein Brett verzählt hatte, aber es war doch eine sehr beachtliche Leistung. Von da an mussten wir auf jedem Spaziergang hören, wie viele Schritte er schon gelaufen sei, und bevor R. in die Grundschule kam, rechnete er längstens mit Millionen und wusste auch z.B. was 7 hoch 3 ist. Ganz anders als seine Mutter, deren Kopf zwar mit Vokabeln und Musik vollgestopft war, in dem Zahlen jedoch keinen Platz hatten, außer einem universellen Gefühl, dass Musik und Mathematik im Prinzip genau dasselbe sei, nur das erstere flüssig und letzteres zäh und hart.

 

In Anbetracht dieser Reminiszenzen gepaart mit den Rudimenten aus dem soeben anverdauten Artikel aus der PM, war es also kein Wunder, dass ich, sobald ich mich dann endlich mitsamt meiner wehen Schulter „in den“ Fango legen durfte - wie in der Praxis immer gesagt wird, als nähme man ein Schlammbad - sofort anfing, die Löcher in den Lochplatten zu zählen, die über mir an der Decke angebracht waren. Ich habe es trotz vielfacher Versuche noch nicht einmal geschafft, die Löcher an der kurzen Seite der Bretter genau zu zählen, geschweige denn die anstehenden komplexen Multiplikationsvorgänge durchzuführen, die zur Befriedigung meines Wissensdurstes erforderlich gewesen wären. Welche Zahl dabei wohl herausgekommen wäre? Jedenfalls keine Primzahl.

 

Ich kam auf 47 an der Schmalseite, könnten aber auch 48 oder 46 sein. Die Länge habe ich dann nicht mal mehr schätzen können. Ich glaube jedoch, an dieser Aufgabe sind schon viele vor mir verzweifelt. Und plötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz: die äußerste Lochplatte am Fenster ist wohl definitiv breiter als alle anderen, die parallel angebracht waren. Die haben wohl geglaubt, das merkt keiner! Aber sie hat mindestens 52 Löcher an der Schmalseite! Mit mir können sie das nicht machen! Haben die geglaubt, sie kommen unbemerkt mit dieser Mogelei davon?

 

Ich war drauf und dran, zu läuten und der Krankengymnastin meinen unglaublichen Fund kundzutun, als mir auffiel, dass ich so ganz nebenbei eines der größten Rätsel unseres Jahrhunderts gelöst hatte! Jawohl, ich, das kleine Licht im Rechnen, das Sprachgenie, das jedoch mit Zahlen nichts am Hut hat! Ha!

 

Die Lampe über mir nämlich hatte eine Teilung der Länge lang. Und 20 Querstreben. Und was sich dabei ergibt? Eine Gesamtsumme von einzelnen rechteckigen Feldern, die den armen Leidenden beleuchten, so dass er nicht mehr auskommt und schreckgebannt nach oben stiert, mit den Knien auf einem Würfel und dem Bettlaken „im“ Fango so gut fixiert, dass es keinerlei Entkommen gibt und er nicht einmal in der Lage ist, seinen Arm bis zu der Rettung verheißenden Klingel auszustrecken.

 

Und diese Gesamtsumme ist die endgültige Antwort auf die letzte aller Fragen. The answer to life, the universe and everything! Nämlich: 42!!!

 

Das Problem mit dieser Zahl war im Roman von Douglas Adams ja, dass die ursprüngliche Frage im Laufe des Rechenvorgangs verlorengegangen ist. Nun, da kann ich jetzt weiterhelfen. Doch bevor die Masseurin kam, um mich aus dem Fango zu befreien und meinem hochwissenschaftlichen Vortrag mit gebührender Ehrfurcht zu applaudieren, schlief ich bereits. Ich habe mir nämlich schon vor langer Zeit angewöhnt, mir zum Einschlafen Rechenaufgaben zu stellen. Das wirkt immer. Leider vergesse ich die Ergebnisse immer bis zum Aufwachen und muss dann wieder von vorne anfangen.

 

 

Das Hypochondergen

Freitag, 09. Oktober 2009

 

Definition:

 

Medizinisches Phänomen bei allen Altersgruppen ohne große geschlechtsspezifische Unterschiede, bei dem das geringste Wehwehchen sofort mit einer schrecklichen, nicht nur im Einzelfall tödlichen Krankheit assoziiert wird.

 

Erwerb:

 

Der Name Gen lässt schon darauf schließen, dass man nicht viel dafür kann, dass man so ist. Der Hinweis auf die Gefahr eines Spontanerwerbs dieser Genmutation durch den Besuch medizinischer Lehrveranstaltungen wird in den meisten Vorlesungsverzeichnissen leider vernachlässigt.

 

Symptome:

 

Diese sind so vielseitig wie der Pschyrembel oder der dickste Medizinschmöker, den man sich vorstellen kann. Zu Anfang steht meist eine geringfügige Anomalie des körperlichen Befindens. Durch ausgiebiges Sich-damit-Beschäftigen wähnt sich der Inhaber des Hypochondergens jedoch auf der Schippe des Todes, bestenfalls kurz vor der Einweisung ins Krankenhaus. Er hat nämlich diesen dicksten Medizinschmöker zu Hause und von vorne bis hinten durchgearbeitet. Alternativ hat er eine perfekte Ausbildung am elterlichen Esstisch erfahren, wenn nämlich die Eltern diesen dicken Schmöker bereits verinnerlicht haben. Heutzutage ist auch das Internet eine unerschöpfliche Quelle masochistischer Selbsterkenntnis. Durch die vermehrte Lektüre während des jeweiligen Erkrankungsverlaufs, verschlechtert sich das Allgemeinbefinden ungemein. Manche Ärzte finden dann tatsächlich etwas. Normalerweise bekommt man jedoch den Vermerk „psychosomatisch“ in die Krankenakte eingetragen. Eine Frequenz von über 5 Eintragungen qualifiziert den Patienten für einen Arztwechsel.

 

Vorteile:

 

Man ist sowieso drauf eingestellt, dass es nicht schlimmer kommen kann. Somit wird man in 99% der Fälle angenehm überrascht, wenn es bergauf geht.

 

Die Ärzte kennen einen alle beim Namen, wie auch das Personal in Notaufnahmen und Krankenhäusern. Überhaupt kennt man von jeder Facharztsorte mehrere Exemplare und kann so bestens deren Wartezimmer, Patientenkreis, Lesezirkelabonnements und medizinischen Fachbücher vergleichen. Man wird auf der Straße vielfach begrüßt, auch von den sonstigen Hypochondern im Stadtteil, und erhält am Geburtstag und an Weihnachten Glückwünschkarten von Ärzten und Apothekern, die sich ausgerechnet haben, dass man von ihren Patienten/Kunden sicher unter denjenigen mit der höchsten Lebenserwartung ist, so dass sie in der Praxis schon mal spezielle Annehmlichkeiten für diesen speziellen Patienten einführen (Schatztruhe und Spielecke für die Kinder, bevorzugte Aufstellkalender, 100erpacks Visitenkarten) oder die Apotheke auch mit Rescue Tropfen und homöopathischen Mitteln aufpeppen.

 

Tatsächlich hält einen die Angst vor unerfindlichen Krankheiten relativ lange relativ gesund. (Meine Verwandten wurden fast alle sehr sehr alt).

 

Man wird übrigens selten angerufen, wenn jemand anderes ein Leid zu klagen hat, denn meist kann man selber die Leidensgeschichte des anderen mit einer noch wesentlich schlimmeren toppen, so dass wieder einmal dem anderen die Rolle des Trostspenders zufällt und sein eigenes Leid sich dadurch verdoppelt.

 

Nachteile:

 

Letzteres ist z.B. auch ein großer Nachteil: Die pessimistische Grundeinstellung empfinden viele Zeitgenossen als deprimierend, so dass sie ihre Zeit bevorzugt mit anderen Menschen verbringen. Letztendlich führt dies zu einer Vereinsamung des Hypochonders, wodurch dieser sich jedoch in seinem Element fühlt und seine ---> Leidensfähigkeit zelebriert.

 

Auch wenn es bergauf geht, hält man das nur für eine kurzfristige Linderung mit nachfolgendem, um so heftigeren Rückfall. Bleibt der Rückfall aus, ist man eher enttäuscht als erleichtert. siehe Leidensfähigkeit

 

Man wird von den meisten Menschen nicht (mehr) ernstgenommen. siehe Leidensfähigkeit

 

Manchmal wird man jedoch von einem einzelnen, der einen noch nicht richtig gut kennt, tatsächlich sehr ernst genommen. Der ist dann fürchterlich beleidigt, wenn es einem beim nächsten Telefonat 600% besser geht. In Zukunft zählt er dann zu der Schar derjenigen, die sich von Haus aus an den Kopf langen und mit den Augen rollen, wenn man ihnen die neueste Leidensgeschichte ausbreitet. siehe Leidensfähigkeit

 

Man ist auf das Eintreffen einer tatsächlich mal ernsten Erkrankung nicht wirklich gefasst, obwohl man sie im Geiste bereits mehrfach durchlitten hat.

 

Dauer der Erkrankung:

 

Lebenslänglich

 

Inkubationszeit:

 

Mindestens 3 Jahre nach der Geburt

 

Ansteckungswahrscheinlichkeit:

 

Nicht sehr hoch, bei betagteren Damen jedoch auch ohne erbliche Vorbelastung gegeben und insbesondere bei alten Jungfern grassierend. (Gehört zum guten Ton)

 

Wahrscheinlichkeit der Weitergabe der Erbkrankheit in der Familie:

 

100%. Anfangs ist man sich dessen nicht bewusst, aber schleichend fällt das Erbe auf einen zurück, letztendlich kann man sich ihm nicht entziehen. Erste Früchte trägt die angstvolle Erwartungshaltung im Kindesalter. Mit zunehmendem Alter wird die Krankheit immer stärker ausgeprägt.

 

Dies ist leider eine Krankheit mit tödlichem Ausgang.

 

Folgen der Erkrankung:

 

Latente Depression mit überschießendem Aktionismus oder auch schicksalsergebener Lethargie, detailliertes medizinisches Fachwissen, Galgenhumor, Glossen in der Art wie diese

 

 

Hamam-Besuch

Samstag, 29. August 2009

 

Heute nehme ich Dich mit ins Hamam, ob Du willst oder nicht! Lass es Dir gut gehen!

 

Zunächst steige ich mit dem Masseur, auf dessen blütenweißen T-Shirt steht „Masseur aus Mexiko“ (er heißt aber Sherif und spricht außer einigermaßen Deutsch hauptsächlich Türkisch), und der schwarzgelockte Haare und knackbraune Haut über seinen Muskeln hat, in ein weißes klappriges Gefährt und fahre einmal quer durch Side. Wir landen bei einem kleinen Hotel, gehen am Pool vorbei, wo sich halb Deutschland sonnt, und treten ein ins Reich der Schatten, nämlich eine gekachelte Umgebung im Untergeschoss. Schummriges Licht. Eine Kabine zum Umziehen (man soll im Bikini antreten), dann wirst Du (und nicht mehr ich) in das Dampfbad geführt.

 

Auf einer steinernen umlaufenden Bank, die ganz eindeutig kräftig beheizt wird, sitzt Du und wartest, nicht ahnend, was auf Dich zukommt. Nach ca. 5 Minuten, in denen Du anfängst leicht zu schwitzen, kommt ein gut gewachsener Mann in einem Umhängetuch um die Hüften und sagt Dir, er heiße Kemal. Während Du noch überlegst, ob Du ihm Deinen Namen nenne sollst oder nicht, schüttet er Dir 2 silberne Schüsseln voll kühlem Wasser wie einen Schock über Brust und Rücken, dann noch vorsichtig eine über den Kopf, er reibt Dir die Oberlider und dann noch die Unterlider mit seinen Fingern trocken. Dann sitzt Du wieder da und wartest.

 

Du beobachtest die anderen 4 Personen, die auf der riesigen beheizten erhöhten Steinfläche in der Mitte „behandelt“ werden. 2 Männer und 2 Frauen, alle mit solchen Orienttüchern um die Hüfte, bzw. die Frau auch mit einem Oberteil gewandet, tauchen große weiße hauchdünne Tuchbeutel in Seifenlauge, wedeln geschickt mit den Beuteln, so dass sie sich wie große lange Lufballons mit Luft füllen, und dann drücken sie die Luft aus den Beuteln aus, wodurch eine große Wolke flockiger Schaum entsteht, der auf den Rücken der Massagewilligen verteilt wird.

 

Du machst die Augen zu und sinnierst vor Dich hin und nach einiger Zeit wirst Du durch 2 Güsse mit sehr warmem Wasser über Schultern und Brust aus Deiner Trance gerissen, die sicher auch durch die türkische Meditationsmusik gefördert wird. Dann bittet man Dich auf einen inzwischen frei gewordenen Platz auf der Steinfläche: „Liegma auf Bauche“.

 

Du wirst mit warmem Wasser überall begossen. Dann kommt der Masseur mit einer Art Luffahandschuh und fängt an den Füßen an. Er reibt Dich sehr gründlich bis oben am Hals ab. Braune Fuzzeln Haut lösen sich, die Sonnenbräune verabschiedet sich, die Haut wird abgeschmirgelt mittels einer speziellen Lösung, in die der Handschuh getaucht wird. Du wirst überall ganz sauber und glatt.

 

Dann „Liegma auf Rücke“ und nun wird die Vorderseite bearbeitet. Der Masseur ist ein anständiger Mensch, er langt nirgends hin, wo er nicht sollte. Es geht nicht um Erotik, es geht nur ums Wohlfühlen. Und Du fühlst Dich wirklich total wohl. Dann wird mit viel Wasser alles an Hautresten entfernt, was Du das letzte halbe Jahr so aufgebaut hast, inklusive der Lichtschwiele.

 

Nun liegst Du wieder auf Bauche und weißt nicht, was kommt. Auf einmal spürst Du ein leichtes angenehmes Kitzeln an den Waden, es steigt hoch über die Oberschenkel, den Rücken bis in die Haare. Es riecht nach Seife und Dir ist klar, was nun gerade mit Dir gemacht wird, der Tuchbeutel zaubert einen riesigen Seifenschaumberg über Dir.

 

Dann fängt die Massage an, sehr liebevoll und vorsichtig. Du spürst, wie zart und glatt Deine Haut nach der Behandlung mit dem Handschuh sich unter den Händen des Masseurs anfühlt. Lange dauert die Massage. Du döst schon fast, als Du gebeten wirst, Dich wieder umzudrehen. Auf der Vorderseite kannst Du beobachten, wie der Masseur Dir den Schaum aus dem Beutel zaubert, Du bist ein einziges Schaumbad, dampfst und es spritzt leicht, wenn die Bläschen zerplatzen. Dann setzt wieder die Massage ein, vorsichtig wird erst der linke Fuß getätschelt und gedrückt, dann die Wade, der Oberschenkel, dann auf der anderen Seite, dann wirst Du hoch bis zum Hals massiert, zum Schluss noch die Kopfhaut. Du bist so entspannt, dass Du Dich vor dem Augenblick fürchtest, in dem Du aufstehen musst.

 

Man lässt Dich gnadenhalber noch ein bisschen träumen, dann hilft man Dir, Dich aufzusetzen, Du wirst mit sehr angenehm temperiertem Wasser abgespült, mehrfach, und dabei im Rücken gestützt, weil Du sonst umkippen könntest. Dann erst die Füße auf den Boden, schließlich stehst Du. Nun kommen 4 warme Güsse und 4, die etwas kühler sind.

 

Der Masseur streicht Dir die Haare aus der Stirn, ordnet sie im Nacken, trocknet Deine Augen, Deine Wangen, Deinen Hals, ganz zärtlich mit einem sauberen Handtuch. Dann wickelt er Dich ein, von der Achsel bis zum Knie, in einem orangenen Handtuch mit Orientmuster. Du folgst ihm willenlos wie ein Lämmchen in den Ruheraum, wo Du Dich auf einer handtuchbedeckten weichen Liege niederlässt. Zur Wiederbelebung wird Dir ein heißer Apfeltee gereicht.

 

Du hast genügend Zeit, ihn auszutrinken. Dann kommt der Masseur, der Dich hergefahren hat mit einem Mörser und einem Pinsel. Im Mörser befindet sich ein grüner Brei. Eine Mineralpaste mit angeblich allem, was die Haut braucht, einschließlich Vitaminen. Die streicht er Dir sorgfältig ins Gesicht, Du kannst an dem Mann und der Frau gegenüber sehen, wie das dann ausschaut. Als der Masseur fertig ist, muss er lachen, als er Dich noch mal aus einem Meter Entfernung ansieht. Du musst auch lachen, denn Du kannst Dir vorstellen, was für einen seltsamen Anblick Du abgibst.

 

Dieses Lächeln verbleibt Dir im Gesicht, während die Maske langsam erstarrt. Du fühlst Dich geliftet und irgendwie rundum glücklich. Die Musik läuft offenbar in Endlosschlaufe, dieses Stück erkennst Du, es wird gerade zum dritten Mal gespielt, seit Du da bist. Macht nix, es ist schön. Du bist so ruhig und zufrieden!

 

Als das Gesicht anfängt zu knistern, kommt gerade der Masseur, hievt Dich aus der Liege und geleitet Dich zu einem Waschbecken. Abwaschen darfst Du Dich selber. Als Du einen Blick in den Spiegel riskierst, ob Du es geschafft hast, bemerkst Du erst, dass der Masseur Dir im Nacken die Haare zusammenhält. Du hast Dich schon so an seine unauffällige Anwesenheit gewöhnt, dass das ganz selbstverständlich ist.

 

Wiederum wird Dir liebevoll das Gesicht abgetrocknet und Du wirst in eine Kabine mit einer blau abgedeckten Massageliege mit einem Loch für das Gesicht begleitet. Du legst Dich auf den Bauch darauf und wirst mit einem warmen, feuchten, wohlriechenden Bettlaken

abgedeckt. Darunter beginnt der Masseur, warmes Öl auf Deinen Rücken zu träufeln. Dieses riecht nach Mandarine und Grapefruit.

 

Er deckt den Rücken nun langsam auf und beginnt eine sehr lange, sehr gute, zarte, aber nicht zu zarte, kräftige, aber nicht zu kräftige Massage. Unter seinen Händen wirst Du weich und geschmeidig wie eine Eidechse. Die schmerzende Schulter wird hin und her gebogen, er findet die Stelle, an der der Fehler liegt, er bewegt, er ruckt, er zieht, er beugt, er knetet, er drückt an einer Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger, und an dieser Stelle tut es gemein weh, dazwischen ratscht er an Deiner Schulter, aber den Schmerz von der Schulter spürst Du nicht, nur den am Daumen.

 

Und dann ist der Schmerz in der Schulter nicht mehr da!

 

Du brauchst aber nicht zu meinen, dass die Massage damit beendet wäre, da geht sie erst los! In Deutschland wärest Du jetzt ungefähr zweimal fertigmassiert und entlassen, hier ist das erst der Anfang. Und das alles für 20 Euro!

 

Nach einer weiteren ausgedehnten Rückenmassage, wird der Rücken abgedeckt. Du erwartest zu hören, dass es das war, da bemerkst Du, dass Dein linker Fuss massiert wird. Jeder Knochen einzeln, jeder Zeh einzeln. Von einem der Zehen geht immer ein Schmerz zur Hüfte hoch. In letzter Zeit hast Du die Treppe kaum noch geschafft, weil diese blöde Hüfte immer weh getan hat. Der Masseur, der von all dem überhaupt nichts weiß, zieht fest an dem Zeh. Es knackt. Er zieht fest am kleinen Zeh. Es knackt. „Alles wieder gut“ sagt er. Später beim Treppengehen und beim Schwimmen merkst Du, dass er recht hat!

 

Die Wade wird massiert, das tut irgendwie etwas weh, aber so muss das wohl sein. Du muckst nicht. Dann kommt der Oberschenkel dran, dann dasselbe am anderen Bein. Dann fängt er nochmals von unten an - an beiden Beinen.

 

Danach wirst Du gebeten, Dich umzudrehen. Und oh Wunder! Für die Vorderseite lässt er sich genauso viel Zeit!

 

Und danach streicht er Dir noch sämtliche Linien aus dem Gesicht. Du bist nicht mehr in der Lage, böse dreinzuschauen, so entspannt ist Dein Gesicht. Ein strahlendes Lächeln ist nicht mehr daraus wegzubekommen!

 

Fünf Jahre jünger hat er Dich gemacht, sagt der Masseur. Du schätzt eigentlich zehn, sagst jedoch „Dann komme ich morgen wieder!“.

 

Zum Schluss wirst Du noch mit einem besonders gut riechenden Öl eingerieben.

 

Den Weg zur Umkleidekabine wankst Du wie im Traum. Auf dem Rückweg bist Du kaum imstande zu sprechen, so gelockert bist Du, dass Dir Dein Gehirn bald nicht mehr gehorchen will, jedenfalls arbeitet es mit der Gesichtsmuskulatur momentan nicht richtig zusammen. Erst bei der Ankunft bemerkst Du außerdem, dass Du in türkischer Manier den Sicherheitsgurt einfach weggelassen hast. Das Mittagessen lässt Du ausfallen, Du bist so entspannt, Du musst Dich hinlegen, ganz schwindlig ist Dir vor lauter Erholung. Zudem fühlen sich die Oberarme an, als seist Du ungefähr 5x über den See und zurück geschwommen.

 

Nach etwa eineinhalb Stunden wachst Du auf. Du bist so fit, so stark, Du strahlst!

 

Vor der Terrassentür, drei Meter entfernt ist der Swimmingpool. Du springst hinein und aalst Dich im Wasser, dass Dich wie flüssige Seide umschmeichelt. Lange schwimmst Du und bemerkst wie viel Kraft Du auf einmal hast. Dann liegst Du an der Sonne. Der übrigens sehr gut aussehende, aufmerksame Kellner Mehmet bringt Dir einen Cocktail ohne Alkohol, verziert mit 2 Flitterpalmen, einem Golfschläger mit Ananas und einer brennenden Wunderkerze.

 

„Was macht Dein Mann?“ fragt er. Du sagst, Du hast keinen mehr. Das ist schade, aber das ist auch schön, sagt er und setzt sich mit Deiner Erlaubnis neben Dich. „Warum er lassen ein so schöne Frau allein? Muss sehr dummer Mensch sein!“ Und er lächelt sein schönstes Lächeln mit seinen blendend weißen Zähnen. Aus seinem braungebrannten Gesicht blicken Dich leicht wölfisch seine etwas schräg gestellten dunklen Augen mit den langen schwarzen Wimpern an.

 

 

Jawohl, ich hasse sie... die Berge!

Sonntag, 23. August 2009

 

Nachdem das Stichwort Berg nun in meinem Buch „Die Vermessung der Welt“ gefühlte 300 mal eindeutig zu lesen war, erzähle ich Euch mal von meiner Hassliebe zu den Bergen.

 

Schon als Kind gab es für mich nichts Schlimmeres als mit meinen Eltern einen Wanderausflug zu machen. Das Problem war: mein Vater muss in seinem letzten Leben eine Bergziege gewesen sein. Mit größter Begeisterung stieg er mühelos nach oben, immer noch weiter und weiter. Meine Mutter war wohl eher ein Lamm, geduldig trottete sie hinterher ohne groß zu murren, aber auch ohne spezielle Eigeninitiative. Aber ich – ich muss wohl eher ein Laufvogel gewesen sein, der nur geradeaus laufen kann, mit dem Blick auf dem Boden. Nicht verwandt etwa mit dem schottischen Nationalfabeltier, dem Haggis, bei dem ein Bein kürzer ist, damit es schneller den Berg hochrennen kann. Eigentlich ist Haggis ja auch der Name für ein schottisches Essen, und zwar eines, das aus so grässlichen Zutaten besteht, dass einem alleine bei der Vorstellung schon schlecht wird. Ergo habe ich es auch in meiner ganzen langen Zeit in Schottland nicht probiert, obwohl ich sonst so ziemlich alles probiere, was man essen kann, außer es lebt noch oder hat normalerweise entweder 8 oder keine Beine noch Flossen oder wäre ein liebenswertes Kleinhaustier.

 

Folglich waren diese Ausflüge für mich eine Tortur. Mein Vater behauptete, ich habe wohl ein Loch im Herzen, denn beim Abhören höre er da ein Rauschen, das nicht hingehöre, einen Rückfluss. Da er selber Zahnarzt ist, wurde auch kein weiterer Arzt hinzugezogen, seine Diagnose wurde als hieb- und stichfest gehandhabt. Ich trottete also mit hängender Zunge und krummbucklig und restlos unmotiviert meinen Eltern immer hinterher, war völlig außer Puste, mit hochrotem Gesicht. Zwischendurch schaute ich nicht rechts noch links, geschweige denn oben. Ich litt einfach. Das war alles. Ich habe jede Menge Asphalt, Schlaglöcher, staubige Erdwege, Steine, Schotter, Geröll, Kriechtiere und Pfützen auf meinem Weg gesehen. An zwei oder drei Punkten der Wanderung zwangen mich meine Eltern, von irgendeinem Aussichtspunkt runterzuschauen, da bemerkte ich dann, dass wir hoch oben waren, und unten ein Tal und dass wir wohl durch einen großen Wald oder eine Geröllwüste oder über einen grünen Hang gekommen waren.

 

Glücklich zu Hause angekommen, hatte ich außerdem immer massenhaft Blasen genau auf der Mitte der Fußsohle. Sehr viel später erfuhr ich, dass das vom Knicksenkspreizfuß, auch Plattfuß genannt, kommt und sich durch Einlagen hätte vermeiden lassen. Ich trug dann mit 25 ca. fünf Jahre lang Einlagen, aber das half nichts mehr, außer dass ich davon schreckliche Schmerzen hatte.

 

Schlimm für mich als Kind war, dass meine beste und einzige Freundin stets in den Sommerferien voller Enthusiasmus mit ihren Eltern in die Dolomiten zum Klettern fuhr, ja sie fieberte sogar darauf hin und jubelte, wenn es soweit war und sie sich von mir verabschieden konnte. Das sah ich als Hochverrat an, wie ausgerechnet sie sich für etwas begeistern konnte, das für mich so verhasst war. Dann schickte sie mir auch immer noch Karten, die zwar wunderschön waren mit den roten Bergen drauf, aber die für mich vor Angeberei nur so strotzten! „Waren auf dem Gipfel sowieso (Höhenmeterangabe), ohne Seil, oder auf dem anderen Gipfel sowieso (Höhenmeterangabe), die letzten 600 m angeseilt. Haben uns über eine Steilwand abgeseilt, es war herrlich“ usw. stand da drauf. Eiserne Jungfrau, strecken, rädern, pfählen, das hätte sie verdient gehabt, mich so zu hintergehen!

 

Eine einzige Wanderung, die bergauf ging, blieb mir in guter Erinnerung: mit den Eltern meiner Freundin und natürlich meiner Freundin selbst wollten wir den Berg, oder vielmehr Hügel bei Andechs bezwingen. Raufwärts war es die übliche wenn auch nicht endlose Qual, es war nämlich nicht sehr weit. Und oben, da haben ihre Eltern uns Mädels zusammen eine Portion Andechser Stinkekäse und … eine Halbe Bier gekauft. Abwärts sprachen wir nur noch englisch, es war soooo lustig, und ich hab keine Ahnung, wie wir überhaupt heimgekommen sind. (Ich kann mich auch nicht erinnern, was meine Eltern dazu gesagt haben, als ich zu Hause eintrudelte.)

 

Hier ein Link zur Klosterbrauerei von Andechs, die dran schuld war:

http://www.andechs.de/brauerei/

 

Mit 17 hatte ich einen Freund, der im Bund der Naturfreunde war. Das war ein entscheidender Denkfehler von mir, denn ich hatte es eigentlich vorrangig auf seinen Kajak abgesehen, das Fahren damit wollte ich unbedingt lernen (und lernte ich auch), aber mit dazu gehörte auch das Bergsteigen. Ächz. Ausgerechnet. Aber bereits auf der ersten „Warmmachbergtour“ stellten sie fest, dass bei mir Hopfen und Malz verloren ist. Ich hatschte mit auf den Similaun. D.h. ich hatschte erst, dann schlich ich, dann hinkte ich, dann hielt ich alles auf, dann watschelte ich stöhnend hinterher und zu guter letzt kroch ich bald auf allen Vieren. Mein Gepäck trug inzwischen schon mein Freund, denn dazu war ich nicht mehr in der Lage. Hier könnt Ihr Euch diesen saublöden Berg mal anschauen:

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Similaun

 

Am nächsten Tag wollten die anderen noch weiter, ich hatte aufgegeben. Also ließen sie mich zurück, um das Feuer zu hätscheln und Essen zu machen, wenn sie wiederkommen. Wie sich rausstellte, konnte ich das auch nicht. Hatte noch nie Feuer gemacht, geschweige denn Essen gekocht. Ich habe beides versucht. Das Feuer war vorhanden, als sie kamen, die ganze Hütte in dicke Rauchschwaden gehüllt, das Essen restlos ungenießbar. Sie aßen trotzdem, denn sie waren hungrig.

 

Der Abstieg war theoretisch einfacher, aber da schnackelte irgendwas in meinem Knie, und dann kam ich noch auf die tolle Idee, meine Füße in einem Bach zu kühlen und war danach nicht mehr in der Lage, sie wieder in die Schuhe hineinzuquetschen, deshalb kam ich wesentlich später an als alle anderen. Mein Freund war alles andere als begeistert. Trotzdem hat er es 4 Jahre mit mir ausgehalten, die Bergtouren unternahmen die Naturfreunde aber künftig ohne mich. In beiderseitigem Einvernehmen…

 

Nachdem ich ein paar Jahre später geschafft hatte, mir während der Zugfahrt von München nach Berlin im Zug im Schlaf beide Menisci zu quetschen und danach 2 Jahre lang in ärztlicher Behandlung war, hatte ich immerhin eine gute Entschuldigung, bei künftigen Tor-touren nicht mehr dabei zu sein, wann auch immer meine Freunde glorreiche Ideen hatten, bei denen irgendein Berg eine herausragende Rolle spielte.

 

Aber irgendwann fuhr ich mit Reisezeit mit. Reisezeit ist ein Freakunternehmen für Freaks. Oder war es damals, ich glaube, jetzt sind die in die Jahre gekommen und relativ zivilisiert. Im Vergleich. Die Grundidee ist, mit einem umgebauten Spezialbus, der jeden 2. Tag repariert werden muss, an die schönsten Plätze zu fahren, dort in freier Wildnis eine Lagerstätte aufzubauen, wo man zusammen kocht (Hauptingredienz: täglich mehrere Knoblauchzehen) und zusammen säuft (z.B. gefühlte Hektoliter Wein aus dem Dieselkanister) plus diverse Flaschen Schnaps. Wer das übersteht, gehört zu der Gruppe und es gibt nix Tolleres, keine Missetat war uns fremd. Am nächsten Tag wird eine Tour gemacht zur Erkundung der Sehenswürdigkeiten, wozu ein sehr bewanderter Reiseleiter antritt, der aber ebenfalls ein Freak ist, und mit dem es riesig Spaß macht. Die Übernachtung fand damals bei den meisten Reisen (fahrenderweise) in einem umgebauten Doppeldeckerbus statt, der im 1. Stock Kojen hat mit kuscheligen Vorhängen, Einzel- und Paarkojen. Für die Paarkojen braucht man keinen Trauschein, im Gegenteil. Im „Erdgeschoss“ befindet sich eine Liegewiese zum Ausnüchtern oder besseren Kennenlernen, ein Kühlschrank, eine Kochausrüstung, Bänke mit Tischen dazwischen, so dass man während der Fahrt einander ins Gesicht sehen kann und allerlei Spiele wie „Auf Achse“ oder Kartenspiele usw. spielen kann und, naja, wie immer, Wein trinkt und kettenraucht.

 

Das ist jetzt aus Reiezeit geworden: http://www.reisezeit-online.de/

Richtig spießig! ;-)

 

Nun gut, zuerst fuhr ich mit dem MiGa (Mistgatte), damals noch ein toller Hecht und ungetraut, die schönsten Städte Griechenlands an (1 Monat Reise). Was gehörte natürlich dazu? Jeden Tag mussten wir auf einen Berg. Oder 999 Stufen hoch oder so was. Konnten die blöden Griechen nicht ihre Sehenswürdigkeiten an vernünftigen Stellen bauen, musste das unbedingt immer in Himmelsnähe sein? Oh Mann, war ich Ende des Urlaubs fit! Ihr hättet mich nicht erkannt!

 

Der nächste Urlaub mit Reisezeit führte in die schönsten Städte Italiens, das war weniger anstrengend. Es gab inzwischen bereits täglich mehrere Knoblauchknollen, die Kochkünste hatten sich verbessert, und unser Parfum noch intensiviert. Übrigens: geduscht wurde meist auf Campingplätzen, auf die wir heimlich von hinten durch ein Loch im Zaun oder über den Strand huschten. Einzeln oder paarweise, um nicht so aufzufallen. Ansonsten hatte der Doppeldeckerbus auch eine Außendusche, je nach Außentemperatur konnte man das aushalten, kam halt direkt aus dem Wassertank, unbeheizt. Sah bloß ein bisschen blöd aus, auf offener Straße zu duschen. Es kamen irgendwie ja überall immer Autos vorbei.

 

Danach fuhr ich mit Reisezeit ohne den MiGa nach Korsika. Tja, diese Insel ist verdammt bergig. Aber wir machten nur ca. 5 Bergtouren, ich gewöhnte mich so langsam dran, denn hinterher war es auch nicht so weit bis zum Strand und die Berge in Korsika sind unschlagbar schön, und die Strände erst recht. Wir waren inzwischen übrigens bei täglich mehreren Knoblauchzöpfen und fragten uns, wieso wir alle solche Blähungen und Durchfall hatten.

 

Im Jahr darauf wollten wir ein Revival machen. Wir fuhren wieder, mit identischer Besatzung, nach Korsika. Nur: die anderen hatten inzwischen beschlossen, dass sie tägliche Bergtouren wollten. Ich wurde nicht gefragt. Ich durfte die täglichen Knoblauchrationen schnippeln. Und Feuer machen und in Gang halten. Bei 4 oder 5 Bergtouren machte ich mit, wo sie sagten, das seien die leichtesten. Es brachte mich an den Rand meiner Kräfte, körperlichen und Willenskräfte. Wir hatten auch erstmals die Fahrräder dabei. Bergabfahren war so unglaublich schön…

 

Eines schönen Tages fuhr ich eine besonders wunderbare Strecke runter, aber die anderen waren vom Sauf- und Siffabend am Vortag so KO, dass sie nicht runterradeln wollten. Stattdessen wollten sie irgendwo shoppen gehen. Also ließen sie mich aus dem Bus und sagten, nach ca. 20 km käme ich in xyz an, und da würden sie mich dann abholen. Uhrzeit war ausgemacht. Ich fuhr runter und genoss die unglaubliche schroffe Natur, die Düfte der wild blühenden Blumen, Ginster, Lavendel und Macchiapflanzen, Myrten, Zypressen, Rosmarin, Thymian usw., fantastische Landschaften um jede Biegung der Straße, Serpentinen, lange gerade Strecken abwärts, steile Abgründe, wundervolle Ausblicke. Schließlich ging es in den Ort Porto, wie angekündigt. Ich ließ mich nieder vor dem Cafe wie abgemacht, trank meinen Kaffee, rauchte wie ein Schlot und wartete. Und wartete. Und wartete. Und wartete. Und wartete. Die Sonne neigte sich schon, die Abholzeit war um mehrere Stunden überschritten, mir war total mulmig zumute.

 

Schließlich zahlte ich und bestieg schweren Herzens meinen Drahtesel, um zu unserem angekündigten Abendstellplatz zu kommen, wie auch immer. Was das für eine Strecke war, davon hatte ich keine Vorstellung. Leider stellte sich heraus, dass die Abfahrt zu diesem Ort hin zwar gegen Ende schön flach verlaufen war, dass aber, um aus dem Ort rauszukommen, man sich Serpentinen steil nach oben kämpfen musste. Und das mit dem Rad! Ich war für meine Begriffe unglaublich tapfer. Ich war furchtbar lang unterwegs. Aber, da ich dachte, bestimmt kommen sie jetzt gleich daher, jetzt kommen sie aber, jetzt aber garantiert, das nächste Fahrzeug sind sie, ich darf nicht aufgeben!!!! fuhr ich hoch mit meinem 3-Gang-Rad. Und fuhr und fuhr. Im Stehen. Tapfer. Mit der Geschwindigkeit einer Schnecke. Aber stetig. Lange. Lange. Lange. Halbtot.

 

Und schließlich kamen sie. Sie sammelten mich ein, die ich nur noch ein zitterndes Häufchen Muskelschmerz war. Aber auf dem Rad befindlich, auf dem Weg nach oben. Was mich besonders fuchste, war, dass ich wirklich schon fast oben war, der Bus fuhr nur ein kurzes Stück weiter, danach ging es bergab. Nur noch bergab bis zum Camp. Ich hätte nur nicht mal mehr abwärts fahren können, da ich so schwach war. Aber es war ein Triumph für mich, dass alle sich vor Überraschung kaum fassen konnten, wie hoch ich hinaufgekommen war. In die Calanches. Dort ist es unglaublich schön. Sehenswerte Felsformationen, verrückt, bizarr. Wenn ich nicht so fertig gewesen wäre... Leider war es nach einem schönen Sonnenuntergang ziemlich dunkel, man konnte nicht mehr alle "Wunder" aus Felsen sehen. Wir bewunderten das ganze dann ein zweites Mal von der Gegenseite kommend bei Tageslicht.

 

http://korsika.fr/index.asp?MenuID=278

 

Und mit diesem Erlebnis habe ich hoffentlich mein Bergleben abgeschlossen. Ich gehe nur noch auf flachen Wegen! Ich hab meine Schuldigkeit getan! OK, 50 Meter Weglänge nach oben ist grade noch drin. Aber nicht 50 Höhenmeter, und BERG kommt mir nicht in die Tüte! Mit mir nicht mehr! In meinem nächsten Leben als Bergziege vielleicht. Im übrigen ist die Höhe der Berge ja eh schon vermessen, von Humboldt oder anderen. Nach mir wird nie ein Berg benannt werden! Höchstens ein Trampelpfad. Aber sicher nicht mal das. Unser Garten ist zu klein.

 

Es werde Licht!

Montag, 13. Juli 2009

 

Guten Morgen! Ha, was kann so ein wunderbarer Tag noch alles bringen! Aufgrund des Regens während der letzten 3 bis gefühlten 20 Wochen habe ich beschlossen: jeder Tag, an dem es 3 Stunden NICHT regnet, wird ab sofort als Tag mit "Schönem Wetter" klassifiziert! Anders geht es gar nicht mehr. Nun gut, seit ich aufgestanden bin, hat es nur 1x geregnet, und seit 7:45 ist die Luft regenfrei. Wir schaffen es heute bestimmt, denn die 3 Stunden müssen nach meiner Definition nicht am Stück sein! Macht nix, dass es gleich wieder losgeht (der Himmel ist schon wieder dunkelgrau). Das Radio sagt, München - 17 Grad, und es würde heute 27 Grad warm!

 

Gestern sagten sie, es würde 30 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Stimmt, wenn man die Temperaturen von Mittags und Abends zusammenzählt, kommt man auf 30 Grad, und die Sonne hat auch mal 12 einhalb Minuten geschienen! Wenn man den Nachbarn schräg gegenüber direkt ins Fenster geschaut hat, hat es auch geblendet. Jedenfalls alle, die auf dem Dachboden wohnen, die können aus diesem Winkel in sein Fenster kucken. Die Mäuse hatten also strahlenden Sonnenschein!

 

Ach ja, dann hat mich mein Sohn in der Früh noch auf das Bein gehauen, jetzt ist das Schienbein blau, trotz Einsatzes des großen Kühlpäckchens und Arnica. Somit kann ich sowieso keinen Rock anziehen. Für mindestens 2 Wochen.

 

Und mit meinem französischen Frühstück (Kaffee und 2 Zigaretten) hab ich mich draußen auf das Sitzpolster gesetzt und konzentriert in den trüben Himmel gestarrt, um mich von allen bösen Gedanken zu befreien - ommm - er meint es nicht bös - ommm - nicht drüber nachdenken - ommm alles wird gut - ommm der Himmel klart bestimmt noch auf - ommm man kann auch Makeup auf das Bein schmieren - ommmmmmmmmmm - wenigstens kommst Du so zu einem Blogeintrag - ommmmmmmmmmmmm,

ohne dabei zu bemerken, dass das Sitzpolster völlig durchweicht war, weil es offenbar heute Nacht bis an die Hauswand hingeregnet haben muss (was es sonst fast nie tut, da die Terrasse überdacht ist).

 

Nun bin ich in der Folge bereits seit einer Dreiviertelstunde angezogen und muss nicht schlechten Gewissens im Pyjama hier herumlungern.

 

Ich sag Euch: es ist der perfekte Tag! Wunderbar! Genießen wir das Leben!

 

Das bißchen Tröpfeln da draußen stört mich nicht. Das ergibt nämlich bald die perfekte Welle. Dann können wir in unserem Stadtteil auch mal an der Isar liegen, unterm Schirm, direkt in unserem eigenen Garten.

 

Der Nachbar baut momentan an einer merkwürdigen Holzkonstruktion. Täglich schleppt er neue Bretter an. Er redet auch merkwürdiges Zeug in letzter Zeit. Kürzlich hat mich auch gefragt, ob unsere Gerbils ein Pärchen wären. Als ich ihm sagte, es seien zwei Jungs, sagte er: "Ach so, na dann halt nicht, muss ich wen anders fragen". Bevor ich herausfinden konnte, was er eigentlich von mir wollte, hatte er sich schon umgedreht. Ich glaube, er ist ein bißchen durchgeknallt! Grade geht wieder das Gebrüll da drüben los, seine vielen Tiere haben Hunger, und wenn er herauskommt in seinen Garten, merken sie das gleich und machen sich bemerkbar. Das hört sich an wie ein ganzer Bauernhof.

 

Tja, jeder spinnt auf seine Weise - einer laut, der andre leise! Ich hab wenigstens den Blog, meine persönliche Arche, um mich auszuspinnen! Einen schönen sonnigen Tag wünsche ich Euch allen!

 

 

PS: Jetzt regnet es aber richtig.

 

Kleines philosophisches Alltagtraktat zum Thema Lampenfieber

Freitag, 10. Juli 2009

 

Mein Kind musste gestern in der Schule, zusammen mit seinem Freund, ein Referat halten über die Erfindung der Sicherheitsnadel durch Walter Hunt. Beide bekamen eine Eins mit Stern. L. freute sich darüber, war aber etwas verstört, weil er wieder mit Reaktionen seines Körpers auf die Klasse zu kämpfen hatte, vor allem mit einem Zittern am ganzen Leib. Darauf entspann sich in etwa folgendes Gespräch:

 

Mutter: Das ist Lampenfieber. Das haben alle Schauspieler, und das ist ganz normal.

 

Kind (10jährig): Dann ist es ja gut, ich will ja Schauspieler werden. Aber wieso passiert das?

 

Mutter: Ich glaube, der Grund dafür ist, dass der Körper eigentlich fliehen will vor der Menge von Leuten, vor die er sich plötzlich stellen muss. Ganz schutzlos. Jeder kann ihn sehen, alles, was er tut, wird genau beobachtet, das macht einen dann so nervös.

 

Kind: Bevor ich rausgehe, bin ich gar nicht so nervös, aber wenn ich dann da vorne stehe, geht es plötzlich los, ich kann das gar nicht ändern.

 

Mutter: Das geht mir auch immer so, und als ich klein war, war das für mich auch ganz schlimm. Ich habe dann keine Luft mehr gekriegt, und dafür einen ganz roten Kopf, und hab ganz vieles vergessen, was ich sagen wollte, und war nur noch total verkrampft. Dabei hätte man ja eigentlich gar keinen Grund dafür, schließlich ist man doch bestens vorbereitet. Allein für das Wissen und die Vorbereitung müsste man ja eine Eins kriegen.

 

Kind: Ich glaube, das kommt davon, dass man da etwas machen muss, was man sonst nicht so macht. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich lieber was mache, was aus dem Bauch raus kommt, und da muss ich was aus dem Kopf raus machen.

 

Mutter: Das kann schon sein, der Körper erkennt, dass man eigentlich entgegen seiner eigentlichen Fähigkeiten handeln muss, und diesen Widerspruch zeigt er einem dann ganz genau.

 

Kind: Ja, wenn man mit dem Kopf was machen muss, dann zeigt er einem, dass das falsch ist, und dann macht er die Gefühle stärker, damit man sieht, dass es eigentlich verkehrt ist, weil man kein Denker ist, sondern ein Fühler.

 

Mutter: Ja, die Gefühle, das aus dem Bauch raus wird dann so stark, dass das, was man im Kopf hat und vortragen soll, beinahe untergeht. Bei manchen kommt dann tatsächlich alles aus dem Bauch raus, denen wird schlecht, oder sie müssen dringend auf die Toilette. Die kriegen dann „Schiss“!

 

Kind: Aber bei manchen ist das nicht so. Die sind vielleicht so Kopf-Fühler, da passt das, was sie vorhaben zu dem, wie sie sind. Also, sie haben normal nicht so starke Gefühle, sondern denken immer ganz viel, und wenn sie da draußen stehen vor den Leuten, dann machen sie einfach das, was sie sonst auch machen, und dann wehrt sich der Körper nicht so.

 

Mutter: Das kann sein. Und bei denen, die sonst mehr durch Gefühle getrieben handeln, werden die Gefühle noch verstärkt. Die zittern dann nicht nur, sondern wenn sie eine kleine Geste machen wollen, zum Beispiel so (kleine Auswärtsbewegung der Unwissenheit mit der Hand, Augenbrauen hochziehen, Kinn anziehen, Blick von unten, linker Mundwinkel waagrecht nach außen angespannt) wird dann so was: (Grimasse, heftiges dreimaliges Schulterzucken, ausufernde Auswärtsbewegung beider Hände mit den Handflächen nach oben.)

 

Kind: Das sind dann die, die eigentlich Komiker werden sollen. Da muss man ja lachen, wenn man das sieht.

 

Mutter: Bloß, dass ihnen ihr Talent nicht bewusst ist.

 

Kind: Ja, das muss man ihnen erst mal sagen. Und wenn sie dann älter sind und das öfter gemacht haben, dann lernen sie dazu und können auch noch gut reden, dann können sie Politiker werden und im Fernsehen sein.

 

Mutter: Was ist dann mit Menschen wie uns, die aus dem Bauch und aus dem Kopf raus handeln?

 

Kind: Solche wir wir können dann alles. Solche wie wir geben nicht auf. Wir kapieren, was der Körper da mit uns machen will, und Du sagst ja immer, eine Schwäche, die man an sich erkannt hat, ist keine Schwäche mehr, man kann genau das zu seiner Stärke machen. Jetzt weiß ich noch besser, warum ich Schauspieler werden will.

 

Mutter: Und ich, was mach ich dann?

 

Kind: Du machst dann den Vorhang nochmal auf, wenn die noch klatschen, und wenn ich dann von der Bühne komme, sagst Du: Super hast Du das gemacht! Ich glaube, was man als Schauspieler wirklich will, ist, dass ganz viele Leute das zu einem sagen. Darum macht man das.

 

 

30 years after – standing on the inside looking out…

Sonntag, 28. Juni 2009

 

Samstag Mittag, meine langjährige Schulfreundin, mit der ich seit der 4. Klasse befreundet bin, holt mich und die Kinder ab. Es geht in unsere gemeinsame Heimatstadt, zum Klassentreffen. Die Kinder werden bei den Großeltern untergebracht, ein Novum. Ich bange, ob das gut geht. Noch eine Schonfrist. Mein kleiner Sohn sagt zu mir: Du siehst heute aus wie ein Topmodel, jedenfalls im Gesicht, ein bissel dünner müsstest Du sein, aber toll siehst Du heute aus! Nicht nur in meinen Augen stehen Tränchen, auch das Wetter ist sehr feucht, der geplante Spaziergang mit der ganzen Klasse durch die Stadt zur Schule, um sich wieder neu kennenzulernen, fällt wortwörtlich ins Wasser. Also werde ich nach 2 Stunden erneut abgeholt, wir fahren zu einer Parkgarage und dann wandern wir, mit Schirmen bewaffnet mit sehr gemischten Gefühlen zu unserer alten Schule. Fast wäre ich falsch abgebogen.

 

Schon am Eingang sieht man, dass sich drinnen bereits eine ganze Reihe von ehemaligen Mitschülerinnen versammelt haben. Wir treten ein und werden freudig von uns eher fremden Frauen begrüßt. Du warst doch die Soundso, ach nein, aber macht nichts, ich freue mich riesig, Dich zu sehen! Tatsache – wir waren mal… Jetzt sind wir jemand anderer. Wir haben uns sehr verändert. Mein Herz schlägt höher, als ich wenigstens die Veranstalterin erkenne, mit ihr hatte ich mich letztes Jahr einmal bei ihr zu Hause, fernab der Heimat, getroffen und langen Emailkontakt gepflegt. Sie sieht wenigstens so aus wie vor wenigen Monaten. Mit den anderen weiß ich nicht so viel anzufangen, aber sie schnattern wie eh und je und haben sich und auch uns sogar, mit denen sie früher nichts zu tun hatten, viel zu erzählen.

 

Die Scharen werden immer größer. Ich bin sehr froh, dass wir recht früh da gewesen sind, so können wir die Neuankömmlinge begrüßen und haben in etwa einen Überblick, wer neu dazu gekommen ist. Nach bekannten Gesichtern halten wir eher vergeblich Ausschau. Es kommen hauptsächlich die Schülerinnen der Parallelklassen. Irgendwann entdecke ich zu meiner Freude, dass ein kluger Mensch einen Bogen Aufkleber und einen Kugelschreiber ausgegeben hat, und so zieren bald einige füllige, aber hauptsächlich lauter völlig normalformatige Brüste kleine weiße Schildchen mit der Tendenz, sich rasch abzulösen, aber immerhin, man hat einen Anhaltspunkt. Die meisten haben ihren Vornamen darauf geschrieben, gefolgt von ihrem alten Namen und einen etwaigen neuen Namen in Klammern. Viele haben keinen 2. Nachnamen drauf, ob das Auslassung oder Lebensphilosophie bzw. –weg darstellt, darüber bin ich mir nicht schlüssig. Unneugierig, wie ich immer war, hinterfrage ich das auch nicht öffentlich. Eine schreibt nur Johanna. Ich bin immer noch am Rätseln.

 

Ein Mann kommt dazu, ich halte ihn für den Hausmeister, bis mir erklärt wird, er sei der neue Direktor. Sieht jovial aus, unser ehemaliger Direktor war ehrfurchtgebietend, man zog eher nur im Flüsterton oder besser schweigend an ihm vorbei, gesenkten Hauptes, mit hochrotem Kopf. Er verstarb letztes Jahr. Auf dem letzten Klassentreffen war er noch dabei, und seine schwindenden Geistes- und Körperkräfte ließen ihn alles andere als respekteinflössend erscheinen.

 

Nun folgen ganz kurze Ansprachen, wir werden, da gerade ein Fünklein Sonne scheint, vor die Schule gebeten, dort stellen wir uns auf den Eingangsstufen in einer wilden Unordnung auf, niemand scheint neben denjenigen zu stehen, die er früher bevorzugte. Macht nix, so ist es auch recht. Ich stehe neben einer alten Frau, sehr klein, eine Oma. Sie stellt sich vor als die frühere Konrektorin. Ich erschrecke – was, das soll sie sein? Vor der hatte ich mich auch immer gefürchtet. Spontan trete ich eine Stufe nach oben, denn schließlich bin ich nicht bei den Kleinsten und muss nicht in der 1. Reihe stehen. Oder hat mein Zurückprallen etwa immer noch andere Gründe?

 

Der Fotograf versteht sein Handwerk, er lockert uns derart, dass wir herzlich lachen, zum Schluss verschwindet er lange Zeit hinter der Kamera, wir strahlen hinein, er quietscht oben mit einem Plastikentchen auf dem Stativ, wir denken, wir werden fotografiert – in dem Moment kommt er mit einer roten Clownsnase hinter der Kamera hervor, wir brechen in großes Gelächter aus, klick macht es. Das Foto ist hervorragend, wie sich später herausstellt.

 

Dann führt uns unsere ehemalige Biolehrerin durch die Schule. Zunächst in eine Klasse 5c, in der meine Freundin, eine weitere inzwischen zu uns gestoßene Schulkameradin und ich jedenfalls nie unsere Zeit abgesessen haben. Trotzdem wirkt das Klassenzimmer vertraut. Irgendwie alles noch wie früher. Nur sei der Teppich nun allergikertauglich. Die Lehrerin berichtet uns, dass die Eltern nun wesentlich anspruchsvoller seien als zuvor, die Schülerinnen und nun auch – was erst nach unserer Zeit eingeführt wurde – die 30 % Schüler würden von ihren Eltern die Erlaubnis bekommen, in diese Schule zu gehen, nachdem die Eltern ausgemacht hatten, ob das Kind in ein Klassenzimmer mit Holzboden oder mit allergikergeeignetem Teppich kommen würde. So ändern sich die Zeiten! Damals war man noch dankbar, überhaupt an diese Schule zu dürfen, Bedingungen hätte man da keine gestellt.

 

Die Tische und Stühle waren neu, jedoch in derselben Machart. Ich erinnere mich mal wieder, dass diese Art von Tisch sich wunderbar geeignet hat, mit Bleistift unter dem Mäppchen einen Spickzettel anzubringen, den man bei Bedarf mit einem feuchten Finger sofort wegwischen konnte (wodurch er natürlich unbrauchbar wurde, aber meist war bis dahin die Untat schon begangen). Ich wurde niemals erwischt, wenn auch sehr oft auf Spicker kontrolliert. Erfolglos. Ich verzichtete solidarisch auf diese mir auf der Zunge brennende Randbemerkung in der Öffentlichkeit im Interesse der aktuellen Schülerschaft des Gymnasiums.

 

Irgendwie fingen unsere alten Rollen mit dem Einatmen des alten Klassenzimmergeruchs, der laut der Lehrerin das beste Konservierungsmittel sei (meine Freundin sagte mir auch, die Frau sei anscheinend um kaum einen Tag gealtert seit damals), an, sich wieder zu manifestieren. Ich wurde immer leiser und stellte mich nicht wie sonst in eine der vorderen Reihen, sondern verkroch mich langsam in eine der Ecken, zu meinen beiden Klassenkameradinnen. Eine ehemalige Mitschülerin, die ich nicht so genau identifizieren konnte (der Name und die Gesichtszüge kamen mir bekannt vor, aber ich hatte keine Möglichkeit, sie genau einzuordnen), stellte sich als Lehrerin an dieser Schule vor, während ich mich in die hinterste Ecke begab. Und während gesagt wurde, dass Disziplin und Ordnung an dieser Schule nun nicht mehr derart wichtig seien wie früher, die Schule aber einen Award of Excellence erhalten habe und seither als Eliteschule geführt wurde, las ich am schwarzen Brett die Steckbriefe der Schülerinnen und Schüler (mit Foto durch). Daneben war ein Zertifikat für Certamen Latinum, 1. Platz, den diese Klasse erhalten hatte. Nein, wir hatten damals in der 5. Klasse noch kein Latein! Und gleich daneben: 3 verschiedene einseitige getippte Din-A4-Briefe von Knaben aus der Klasse, etwa des Inhalts: „Liebe Mitschülerinnen, es tut mir so leid, dass ich bei der Essensausgabe am Schulfest nicht mitgeholfen habe, ich werde das nie wieder tun, ich bin ein unsozialer Junge, das wird garantiert nicht wieder vorkommen, so etwas ist schändlich und man darf das nicht, ich habe es jetzt verstanden und in Zukunft werde ich ganz bestimmt mithelfen und als einer der ersten behilflich sein.“ – Nun soviel zu der Aufweichung von Zucht und Ordnung!

 

Nun ging es weiter, wir wurden in den Biologiesaal geschleust, der mir vorkam, als sei das früher der Physiksaal gewesen, aber vielleicht gab es ja immer schon zwei davon. Mich störte, dass auf den Tischen immer wieder überall Wörter eingeschnitten waren oder drauf gekritzelt. An meinem Platz stand groß: Scheiße! Ein großes Hallo brach aus, als die Bio-Lehrerin, die wohl auch Hauswirtschaft gegeben hatte (das war aber ein anderer Zweig als meiner (neusprachlich)), die alte rote Babywanne auf den Katheder stellte, mit der die Schülerinnen wohl damals eine Babypuppe baden sollten – nun sind die meisten über die Realität bestens aufgeklärt, insbesondere, dass Babies die Tendenz haben, in der Badewanne nicht so ruhig wie eine Puppe zu bleiben und insbesondere auch ganz schön flutschig sind… Über das Thema Stoffwindeln wurde auch doziert – was uns damals wohl alles entgangen war? Es hörte sich nach einem Haufen Spaß an. Hatten wir verkopften Sprachgenies damals in der Schule eigentlich auch welchen gehabt?

 

An den Wänden entdeckte ich Informationen zu Homo sapiens und Australodingsdaopedicus, den sie damals wohl noch nicht gefunden hatten. Na, immerhin scheint man ja nun auf dem neuesten Stand zu sein. Wir hatten damals auch immer das Gefühl, das allerneueste Wissen übergebraten zu kriegen, wenn auch nicht jeder gleichermaßen aufnahmefähig war. Mit meiner neuen Sitznachbarin sprach ich so gut wie gar nicht, sie hatte sich durch Wiedererkennungseffekt neben mich gesetzt, da sie aus meiner ehemaligen Klasse war – nur gehörte sie zum Inner Circle und ich zum Outer Circle, und wir hatten uns gegenseitig – so wie auch damals während der Zeit unseres gegenseitigen kollektiven Ignorierens - nichts zu sagen. Zwischen uns klafften ja schließlich Welten – die eine war die der anerkannten Streber (Innen-U), die andere die der vermeintlichen Loser (Außen-U der Sitzformation). Nun klafften zwischen uns anscheinend immer noch unüberbrückbare Abgründe.

 

Danach marschierte die Karawane, nun sehr fröhlich diskutierend, die Treppen hinauf und hinunter, geführt von der Lehrerin – die genaue Reihenfolge habe ich nicht mehr im Kopf, ich glaube es ging erstmal hoch zum Zeichensaal. Unterwegs bewunderten wir die Kunstwerke der Schülerinnen, die zum Teil fabelhaft waren. Neben dem Sekretariat waren hingegen Pokémon an die Wand gemalt, damals undenkbar, wenn man, sagen wir mal Mickey-Mouse-Figuren als Dekoration gewünscht hätte. Und das dann noch gleich neben dem Sekretariat!

 

Die Arbeiten des Kunstleistungskurses wurden bewundert, der Zeichensaal betreten, der mir nur halb so groß wie früher erschien. Aber es roch dort wie immer, nach Deckfarben und feuchten Lappen, Kreide und Staub. Beim jetzigen Vortrag hatte ich schon Probleme mit der Konzentration, denn etwa 70 Schülerinnen in einem Raum – das ist ganz schön laut!

 

Wir wurden daraufhin auf eine Terrasse geschleust, und meine ehemalige Nebensitzerin jubelte, dass sie endlich wieder hier sei, während meine Freundin und ich uns zweifelnd ansahen, ob wir jemals da gewesen seien – wir konnten uns nicht erinnern! Dies sei immer die Oase meine Nachbarin gewesen, sie sei doch immer mit uns auf dieser Terrasse gewesen, da habe sie immer ihre Hausaufgaben abgeschrieben. In meinen Gedanken geschah gar nichts, mein Gedächtnis – völlig blank. Wie kann das sein? War ich nicht dabei? Oder war für mich der Schulalltag mit Lernen und Sich-aufs-Wesentliche-Konzentrieren so dominant, dass ich dies völlig ausgeblendet habe? Was mich allerdings noch mehr beunruhigte, war, dass die Terrasse äußerst ungepflegt aussah, überall grünte es zwischen den Platten, und zwar sehr unkräutig und grasig. Das darf an dieser Schule nicht sein, da muss es sauber und gepflegt aussehen! Der neue Direktor wohl… Oder altersbedingter, unvermeidlicher Verfall?

 

Wir fanden uns nach weiterer Wanderschaft im Musiksaal wieder, dort war ich immer sehr gerne gewesen, jedoch meist mit knurrendem Magen, muss wohl kurz vor oder nach der Pause gewesen sein. Und prompt, beim Betreten des immer noch mit roten Samtdecken (wegen der Akustik) verkleideten Raums fing pünktlich mein Magen an zu knurren. Ein Blick auf die Uhr zeigte außerdem: wir haben bereits maßlos überzogen, liegen nicht mehr im Terminplan. Naja, macht nichts, es war ja wirklich interessant!

 

Ein weiterer Blick in die Runde füllte mich mit Entsetzen – die schönen, ovalen Armablagen aus hellem Holz an den kleinen Stühlchen waren so fürchterlich mit schwarzen und blauen Filzstiften verschmiert, voller Graffiti und Zeichnungen, dass ich am liebsten spontan einen Eimer schwarzer Farbe genommen und drübergetüncht hätte! Ach Mensch, warum machen die Kinder so etwas!

 

Wir nahmen dann in den kleinen Stühlchen Platz und stellten fest, dass unsere zarten Hinterteile inzwischen wohl seit damals etwas an Volumen gewonnen hatten, und lauschten einer kleinen Klaviervorführung einer Schülerin, die ad hoc dazu gebeten wurde, und hernach fingen alle an, Swing Low Sweet Chariot zu singen. Meine ebenso wenig musikalisch begabte Nachbarin und ich schauten uns mit geschlossenem Mund an, während alle anderen Münder sich eifrig bewegten, bis auch wir irgendwann leise mitbrummelten. Es klang trotzdem wirklich schön und bewegend, wie einige, die vielleicht Musik als Leistungskurs gehabt hatten, so schön in mehreren Stimmen mitsangen und am Schluss ließ sich eine zu einem wirklich gospelmäßigen Ausklang hinreißen. Nun waren wir emotional bis ins Herz aufgeweicht und unsere Kindheit hatte uns wieder voll im Griff.

 

Darum wagte ich auch beim Gang auf den Pausenhof zum Ende der Führung, die Biolehrerin anzusprechen auf etwas, das mir lange schlaflose Nächte bereitet hat. Ich habe immer Alpträume von dieser Schule gehabt, dass ich mich im Schulhaus hoffnungslos verlaufe, in Zeitnot, wie auch immer noch im wirklichen Leben - und insbesondere träumte ich von dem Weg in die Fahrradgarage, verbunden mit unnennbarem Grauen. Ich glaube, das kam davon, weil ich damals, als im ersten Jahr nach Bau der Schule die Außenbrüstung über dem Hof direkt zu Ende der großen Pause abbrach und wie durch ein Wunder niemand außer dem Hausmeister (und dieser nur minimal) verletzt wurde, pflichtschuldig, als die Schülerinnen erst mal sicherheitshalber nach Hause geschickt wurden, mein Fahrrad aus eben dieser Tiefgarage holte, anstatt zu Fuß nach Hause zu gehen – und hierbei hatte ich große Angst, dass auch an dieser Stelle etwas von den Betonverkleidungen über mir zusammenstürzen könnte. Das hat mich all die Jahre so verfolgt, dass ich regelmäßig von dem Gang in die Fahrradgarage geträumt hatte, aber so, dass die Fahrradgarage in meinen Träumen von jedem Raum des Gebäudes aus, auch z.B. vom 2. Stock aus erreichbar war, in jedem Traum anders. Alle Wege führten in die Tiefgarage. Ich wusste zwar noch, dass sie irgendwo von unten ausging, aber in meinen Träumen hatte sich die Realität schon so verschoben, dass ich überzeugt war, durch einen kleinen Gang in der Turnhalle dort hineinzumüssen. Und auf der Treppe konnte man kein Licht anmachen, und die letzte Stufe vor dem flachen Boden konnte man im Dunkel nicht erkennen, und die Tiefgarage war fürchterlich.

 

Die Biolehrerin war so lieb, dass sie mich total ernst nahm. Sie ging mit mir den Weg zur Fahrradgarage, die sich in echt, wie ich nun sehen konnte, neben der Turnhalle befindet, und nicht in der Turnhalle (die Turnhalle hat sie mir auch gezeigt, um mir das zu beweisen – sie war so riesig, wie ich sie in Erinnerung hatte, und für die am Vortag stattgefundene Abifeier noch immer bestuhlt, ein eindrucksvoller Einblick, vor allem im Halbdunkel). Die Treppe nach unten besteht tatsächlich aus recht dunklem Parkett, das Licht war eher spärlich, man konnte die letzte Stufe im Dunkeln nur erahnen. Und dann schloss die Lehrerin mir die schwere Metalltüre zur Fahrradgarage auf, machte gnädigerweise das Licht dort drinnen für mich an und bot mir ihren Arm an, um durchzugehen. Das nahm ich auch an, obwohl ich mir irgendwie blöd dabei vorkam, aber dann spürte ich, wie mein Herz anfing, wie wild zu bumpern und war froh über die Hilfestellung. Diese Fahrradgarage hat wirklich etwas sehr Beklemmendes, mit finsteren Ecken und einer extrem niedrigen Decke. Als die Lehrerin die Tür ins Freie auf der anderen Seite aufsperrte, wo eine Treppe mit einer schmalen Schieberampe rechts und links hochführt, war ich unglaublich froh, dem entronnen zu sein.

 

Doch gingen wir auch denselben Weg wieder zurück, ich diesmal mutiger und nicht am Arm der Lehrerin. Ich hoffe sehr, diese Tour hat mich nun von diesem Traum befreit. Was die Lehrerin sich wohl gedacht hat – ich war ihr jedenfalls sehr dankbar und sagte es ihr auch.

 

Danach holten wir alle unsere Schirme und jeder verschwand in eine andere Richtung. Meine Freundin, meine ehemalige Sitznachbarin und ich wanderten zur Tiefgarage und fuhren mit dem Auto zum geplanten Abendziel. Das ausgesuchte Lokal erwies sich als ein Teil der alten Befestigungsanlagen der Stadt, bei gerade mal strahlendem Sonnenschein tappten wir durch gewundene finstere Gewölbe mit Verliescharakter, um dann schließlich in einem Saal anzukommen, der überall, wo es hell war, bereits voll besetzt war, nur der besonders schlecht beleuchtete hintere Bereich bot noch einen freien Tisch. Nun, den mussten wir dann wohl nehmen.

 

Die Fotografien wurden verteilt, einige Personen wurden gebeten, für die Blumensträuße für die Organisation zu spenden – da es wirklich eine reife Leistung ist, so viele Leute unter einen Hut zu bekommen, gaben wir alle gerne, die ersten Getränke kamen und ich fühlte mich bemüßigt, mal endlich eine Zigarette rauchen zu gehen. Wir standen da zu dritt an einem Stehtisch an der Sonne im Freien – kann doch nicht sein, dass die anderen alle nicht rauchen? Oder doch?

 

Innen hallte das Gewölbe so heftig wieder, dass Unterhaltungen für mich und für viele andere sehr anstrengend waren, es ist so schwer sich zu konzentrieren, wenn man den schräg gegenüber befindlichen Mund sich zwar bewegen sieht, aber nichts hört und versteht. Trotzdem gelang es zwischendurch, sich zu unterhalten oder herauszufinden, wer wer sei. Unsere engeren Bekannten kamen alle nicht, von meiner Nachbarin war mir auch im Laufe der Schulzeit nicht so viel im Kopf geblieben. Nicht nur, dass ich ihre Terrassenliebe nicht teilen konnte, wusste ich auch nicht einmal mehr, dass sie als Leistungskurs (außer mit mir Biochemie) auch Mathematik hatte. Sie ist nach wie vor ein Einzelgänger, ungebunden, anscheinend nach wie vor männerfrei lebend, kinderlos, beruflich sehr engagiert, ein sehr kluger Kopf (Informatikerin), um ihr Aussehen in keinster Weise bekümmert (als eine der wenigen mit völlig unkaschierten völlig ergrauten Haaren angetreten, auch letztes Mal schon) und hat immer noch einen feinen und ungewöhnlichen Humor und eine erstaunliche Stimme.

 

Ich unterhielt mich im Auftrag meiner Mutter mit einer in meiner Heimatstadt im Lokalblatt häufig erwähnten Künstlerin, die meiner Mutter schon immer sehr am Herzen lag, da sie nur 4 Tage älter ist als ich, und unsere Mütter zusammen auf der Entbindungsstation lagen. Allerdings hatte ich die Tochter nur 1x besucht und dort an einem Malkurs der Mutter teilgenommen (Hinterglasmalerei, das Bild habe ich noch – ich war wohl 4 oder 5, es ist nicht wirklich vorzeigbar). Und in der Schule hatte ich niemals mit diesem Mädchen zu tun. Nun, sowohl beim letzten als auch bei diesem Klassentreffen habe ich nun relativ viel mit ihr geredet, um meiner Mutter die neuesten Nachrichten zu hinterbringen. Ihre Mutter ist allerdings schon vor 10 Jahren verstorben.

 

Mein ehemaliger Biochemielehrer war auch anwesend, er sprach mich an und sagte, das letzte Mal habe er sich nicht getraut, mich zu fragen, was ich so mache, aber er müsse immer an mich denken, wenn er in der Nähe meines Elternhauses vorbeikomme (das muss häufig sein, denn er wohnt nicht weit entfernt). Ich erzählte es ihm und im Laufe des Abends kam er an unseren Tisch und gab Anekdoten aus seiner eigenen Schulzeit zum Besten – das war damals im Krieg.

 

Ich habe es leider versäumt, ihm etwas besonders Nettes zu sagen, und habe in der Nacht mit mir gehadert, warum ich das nicht getan habe. Ich weiß, dass ich definitiv eine seiner Lieblingsschülerinnen gewesen sein muss, als besonders begeistert in seinem sehr kleinen Leistungskurs Biochemie. Ich hätte ihm schon sagen können, wie ich meiner Freundin, die ihn nicht so gut kannte (anderer Leistungskurs), berichtet hatte, dass mir der Unterricht bei ihm immer Freude bereitet hatte und sein Fach das einzige Fach war, in dem ich wirklich jedes Wort aufgesogen und verinnerlicht habe. Dass ich das meiste, was ich in meinem Leben aktiv gelernt habe, bei ihm gelernt habe. Aber das tat ich nicht. Ich hätte ihm auch sagen können, dass der Ausflug in unser altes Kollegstufengebäude (genannt übrigens „Die Arche“, weil es schiffsförmig aus Glas gebaut war) mir nichts gebracht hatte, da wir nur in die Bibliothek geschleust wurden und die Klassenzimmer nicht ansahen. Und dass ich nur ein einziges Mal in dieser Bibliothek gewesen war und deshalb mich fragte, was ich da solle. Aber dann ist mir eingefallen – gerade dieses eine Mal war ich dort, weil er mich geschickt hatte, mir ein Buch auszuleihen – Die Doppelhelix (von Watson und Crick). Und dieses Buch über die spannende Erforschung der DNS hatte mich wirklich fasziniert, und ich habe dieses Buch für meine Söhne gekauft. Das war eigentlich der Grundstock einer großen Sammlung ähnlicher Bücher. Das hätte ich ihm doch sagen können. Hab ich aber nicht. Ich hoffe, ich habe noch Gelegenheit, ihm das auf einem weiteren Klassentreffen mitzuteilen. Ich empfinde es irgendwie als dringlich und bin traurig über mein Versäumnis. Ich glaube, das war noch die Nachwirkung von der wieder erlebten Kindlichkeit und Schulhausatmosphäre.

 

Alles in allem war festzustellen, dass die Schülerinnen von damals sich meist etwas in die Breite entwickelt hatten, aber nicht sehr, es gab nur sehr wenige, die wirklich dünn sind, und nur 2, die dick waren. Die meisten hatten sich relativ gut gehalten, bis auf einige, die vorher schon irgendwie altmütterlich aussahen.

 

Eine andere interessante Beobachtung des Abends war das Schuhwerk der Eingeladenen. Von Stöckelschuhen, flotten winzigen Riemchensandalen, strassbesetzten Pumps bis zu bodenständigen Halbschuhen und flachem sportlichen Outfit war alles vertreten außer Birkenstock. Und gekleidet waren alle individualistisch und nett, jung erhalten, interessant – einige wenige herausragend gut aussehende Frauen, einige wenige recht spießig, das Gros interessant, liebenswert, so, dass man sie näher kennenlernen möchte. Komisch – warum damals nicht? Und uns allen gemein ist: wir können uns gut ausdrücken und haben einen soliden Background. Wie auch immer sich das in den jeweiligen Leben entwickelt hat, diese Basis bleibt und ist nicht zu leugnen. Zucht und Ordnung. Unserem alten Direktor sei Dank. Posthum. Jede von uns ist irgendwie etwas Besonderes durch unseren guten „Stall“.

 

Der Abend ging dann langsam dem Ende zu, unser Tisch war noch einer der wenigen, an denen jemand saß. Inzwischen ging es um das Thema Demenz – tja, leider muss man sich langsam mit so etwas befassen, es wurden wertvolle Tipps gegeben. Und dann zahlten wir und wollten zusammen aufbrechen. Meine Freundin und ich blieben noch an einem letzten besetzten Tisch für ca. zwei Minuten hängen, unsere Dritte im Bund sagte kurz, wir machen vielleicht besser jetzt nichts aus und wir beiden sagten lachend, naja, das hat irgendwie schon das letzte Mal nicht geklappt! Daraufhin schlenderte sie an uns vorbei nach außen. Wir kamen gleich nach, aber sie war entschwunden, ohne sich zu verabschieden. Wir sahen sie später auf einem wohl völlig falschen Weg flott an der Donau entlang marschieren, Schirm schwingend, selbstbewusst, frei und Lonesome-Wolf-mäßig. Auf Zuruf reagierte sie nicht.

 

 

Aktionstag

Samstag, 20. Juni 2009

 

So, ich melde mich mal von der Münchner Front. Haben den sogenannten Gewerbeaktionstag mit Bürgerplatzeinweihung und anschließendem Stadtteilfest gut überstanden. Nun bin ich sowas von fix und foxi..!. War ja auch ungewohnt viel unterwegs, allerdings auch viel mit dem Rad.

 

Ansonsten - Erfolgserlebnisse heute! Ihr werdet staunen!

 

Morgens kam mein "wunderschönes" (naja) trnd-T-Shirt an, das man für die Berichte über die Produkttests bekommen hat, wie von mir ausgewählt braun mit orangenem Aufdruck (trnd steht drauf, was sonst). Also habe ich es angezogen, ist schon bissel groß, aber geht grade noch. Dachte, wenn ich es schon anhabe, nehme ich gleich ein paar Proben mit. Die bin ich dann auch losgeworden, hab ne Menge Leute getroffen, bzw. sie mich, wie so üblich, wenn man keinen in Feld, Wald und Wiese erkennt.

 

Ich habe ja heute gleich drei Kinder an der Backe. Mit denen (bzw. irgendwie immer gegengleich, weil sie sonst wo waren - während ich noch in der selben Richtung radelte, waren sie schon längst auf dem Rückweg) haben wir den ganzen Stadtteil abgegrast. Überall gab es Stifte und Gummibären und Luftballons und Blöcke und Käppis usw. für lau. Da haben alle Kids natürlich großartig abgesahnt. Ich habe meinen Blutzucker-Piekstest gemacht, der Wert war nach dem Frühstück völlig normal.

 

Dann habe ich einen Gutschein am Glücksrad gewonnen für einen 20%igen Rabatt plus ein Geschenk in einer Damenboutique. Die war mir aber zu teuer. Hab ich also nix gekauft. D.h. entweder zu teuer, oder nur 1 Stück da, und das in Größe 38 - das hilft mir nix mehr - oder zu altbacken. Na gut, bin ich also weiter gefahren, hab einen kleinen Zu-Gunsten-der-Dankeskirche-Flohmarkt mit neuen Artikeln gefunden. Dort habe ich 4 tolle Handtücher (neu, Badehandtücher), 1 große Ikea-Stehbox aus Karton (neu, noch nicht aufgebaut), 1 große Tragetasche für Geburtstagsgeschenke (neu) und 2 künstliche Dekozweige, die aber toll aussehen, für zusammen 7 Euro gekauft. Musste heim und verstauen.

 

Dann bin ich wieder los, hab ne Schachtel Zigaretten und Streichhölzer gewonnen, danach hab ich am Glücksrad ein Sparbuch für 10 Euro gewonnen, das ich aber dann nicht genommen habe, weil der mir gleichzeitig noch ne Versicherung aufschwatzen wollte usw undsofort, ich hatte keine Lust auf die Beratung, aber ohne die kein Sparbuch. Bin ich also gegangen.

 

Als nächstes hab ich an einem Stand ein rotes Rayban-T-Shirt gewonnen. „Never hide“ steht drauf.

 

Dann habe ich im Kulturhaus Loszettel für meine Kinder und mich (jeder durfte nur einmal mitmachen) ausgefüllt mit dem Lösungsspruch für die diesjährige Aktion.

 

Kurz darauf hat der Stand der Stadtbücherei aufgemacht, ich habe für 15 Euro 24 Bücher gekauft (die aber nicht aus Büchereibestand sind, einige neu, einige schon gelesen) und musste mit 3 Tüten wieder heim und habe so den die Platzeinweihung mit Gottesdienst im Freien verpasst.

 

Dann bin ich wieder los ins Kulturhaus, weil die Auslosung war, meine Kinder wollten aber nicht mit. Lieber Wii spielen und ihre Süßigkeitenvorräte verzehren. Unglaubliche Ausbeute hatten sie – ich hab sicherheitshalber gleich mal rationiert – so viel Colaschaumspray, paketeweise Hubbabubba-Kaugummi, Lutscher, Gummibären, Hanuta etc. Vielleicht hätte ich sie dann auch gleich noch zum Blutzuckertest schicken sollen! Im Kulturhaus wurde bei der Auslosung gesagt, gewinnen könne nur, wer anwesend sei. Ich habe also während der Verlosung noch 3x zu Hause angerufen, dass die Jungs endlich kommen sollen. R. meinte, ist doch egal, wenn ich gewinne, dann kriegt das halt jemand anderer. Ich wollte aber unbedingt, dass sie kommen, denn ich hatte gesehen, dass vielleicht höchstens 50 Leute bei der Verlosung mitgemacht hatten, weil sie ein bissel schwer war.

 

Endlich sah ich meine Rasselbande zum Eingang reinkommen und war ganz erleichtert. Da wurde gerade der 2. Preis ausgerufen. Der geht … in die K.str.  an einen Herrn M., herzlichen Glückwunsch! Ich hab es grad noch mit L. auf die Bühne geschafft, bevor in der Lostrommel nach einer neuen Karte gefischt wurde, wie bei vielen anderen Preisen zuvor (Rucksäcke, 4 Tickets zusammen für den Bayernpark, Therme Erding, Sealife.). Der 2. Preis ist: ein Gutschein über 100 Euro für den Einkauf im Stadtteil!!! Jippieh! Wir wurden fotografiert, und ich musste mein Einverständnis geben, dass L. in der Zeitung gezeigt werden darf. Den 1. Preis über 150 Euro haben wir nicht auch noch gewonnen, wir waren auch so total happy!

 

Die Kinder haben einen Fahrradparcours mitgemacht, wo man so langsam wie möglich fahren musste. R. hatte eine tolle Zeit mit viel Gewackel, aber ohne den Fuß auf den Boden setzen zu müssen. Aber schon im Laufe des Nachmittags wurde er leider getoppt. Ich nehme nicht an, dass wir da noch was hören werden. Schade, der Hauptpreis war ein Fahrrad im Wert von 300 Euro.

 

Einige Freundinnen haben mich gefunden. Wir haben geratscht und bei den Vorführungen zugeschaut. Zwischendurch hat es mal genieselt, aber trotzdem haben wir die 3 Kleinkinderballett-Truppen, die 6 Großkinder-Hiphopvorführungen, die Gesangsveranstaltung, die eigentlich eine Tanzvorführung gewesen wäre, wenn der Fuß nicht inzwischen gebrochen gewesen wäre (hat sich aber gesanglich gelohnt, die verhinderte Tänzerin hatte eine tolle Stimme), und die afrikanische Hiphop-Mädchentanzgruppe mit 4 Vorführungen überstanden. Dann hatten wir allerdings fürchterlich Hunger. Mir hatte jemand an einem Stand im Vertrauen gesagt, im Kulturhaus im 3. Stock gäbe es ein Büffet. Draußen gab es nur den Dönerstand oder die Möglichkeit, im Kulturhaus eine Leberkäs-Semmel oder Chili con Carne zu kaufen. Normalerweise waren immer mindestens 15 Multikulti-Essensstände auf dem Stadtteilfest, aber dieses Mal wurde der neu gestaltete Platz vor unserer Kirche eingeweiht, und da gab es nix zum Essen, warum auch immer. Getrunken habe ich übrigens auch nichts. Es gab nur einen Getränkestand, und diiiiie Schlange wollte ich mir nicht antun. Zum Glück war es ja nicht gerade heiß.

 

Nun, ich bin also mit einer meiner Freundinnen und deren verbliebenem Kind (das andere, das dabei gewesen war, hockte inzwischen bei meinen Jungs zu Hause vor der Wii) zu dem Büffet. Wie sich herausstellte, war nicht mehr gerade viel übrig, und es handelte sich um eine Vernissage. Meine Freundin (Hobby-Malerin) und ich fachsimpelten also über die Bilder (äh, wir fanden sie nicht gerade toll) und aßen derweil Reste vom vegetarischen Büffet (fast rohe Zucchini mit Käsefüllung, Spießchen mit 2 Cocktailtomatenhälften und 1 Kästestückchen, eine Art Roulade, gefüllt mit fast rohen Kartoffeln und Käsecreme, überall rote Pfefferkörner und irgendein Gespinst, das aussah wie rot gefärbte Maiskolbenhaare). Wir waren die einzigen in diesem Raum, auf der Dachterrasse standen ein paar Leute mit Gläsern in der Hand, so eher in Abschiedsstimmung. Da kam die Dame vom Büffet und fragte nach unserer Einladung. Es sei eine geschlossene Gesellschaft. Sie wurde schon ein bisschen unwirsch, weil wir keine hatten, und wir sind halt gegangen. Hinterher fiel mir ein, dass ich zu Hause eine Einladung gehabt hätte, aber die hatte ich verschlumpatzt. Ich war also eigentlich sogar ganz legal dort. Aber das gezeigte Bild auf der Einladung hatte mir schon nicht zugesagt. Ach, was solls.

 

Nach Verlassen des Kulturhauses habe ich noch einen Stand gefunden, an dem lagen ca. 10 SZ-DVDs „Der Leopard“ (Luchino Visconti), OVP. Ich fragte, was die kosten, da wurde mir gesagt, jeder könne eine mitnehmen. Ha!

 

Im Anschluss sind wir noch in die Kirche gegangen, denn ich hatte gehört, dass da auch gestern eine Vernissage gewesen sein sollte. Wir haben also die Bilder bewundert oder auch weniger. Da sprach mich eine Dame an: „Wie schön, dass ich Sie endlich kennenlerne! Ich habe sie gerade für das Kulturhaus gemalt, so sehen Sie also live aus!“ Sie war sehr sympatisch und erklärte mir ihre Bilder. Eines fand ich toll, 3 (in einer neuen Art – nur viereckige Formen) eher „gewöhnungsbedürftig“. Ich bin mal gespannt, wie sie mich gemalt hat, hoffentlich nicht viereckig. Durch die Ausstellung habe ich nun auch mal die Empore in der Kirche kennengelernt, da war ich noch nie. Im Nebenraum saßen auch noch Künstler neben ihren Werken (Skulpturen), aber ich hatte dann doch langsam das Gefühl, ich müsse jetzt mal meinen Kindern auch was zu essen vorsetzen, das nicht ausschließlich aus Zucker und Farbstoffen besteht, und bin gesenkten Kopfes rausgeschlichen, bevor mich einer ansprechen konnte.

 

Zu Hause hab ich dann noch Putenschnitzel mit Kartoffeln und Pilzsauce sowie Mango/Pfirsich-Schnitze als Nachtisch produziert (ich hab nämlich auch noch beim vietnamesischen Laden 2 Mangos gewonnen), während L. noch mehrfach zurückgefahren ist, und jeweils mit einem Heliumballon an der Schnur zurückkam. (Wir haben jetzt 5.) Danach ist L. auf dem Sessel eingeschlafen, die anderen Jungs sind nun unten, nachdem wenigstens sie ordentlich gegessen haben. Ich könnte mich, ehrlich gesagt, auch einfach hinlegen, bin so KO. Die Wäsche ist gewaschen und aufgehängt. Die 2. Spülmaschine heute ist durchgelaufen und ausgeräumt. Aber heute bin ich einfach irreal zufrieden. Schön, oder?

 

Fragebogen

Donnerstag, 11. Juni 2009

 

Heute steht ja mein Besuch bei meiner ehemaligen Klassenkameradin an, die mir damals als Zwölfjährige meinen privaten Fragebogen für die Aufnahme in meinen „Club“, genannt die Adler (ich wollte ja von Beruf Indianer werden) wie folgt ausgefüllt hat:

 

Was ist Deine Lieblingsbeschäftigung:….

Mich mit Sonnenöl einreiben lassen und schlafen (2 Arten)

 

Was ist Dein Lieblingsduft:……

Sonnenöl und Schlafen (2. Art)

 

Was würdest Du am liebsten tun:….

Mich einseifen lassen und schlafen (2. und dann 1. Art)

 

Und nun mache ich mir so meine Gedanken, was mich bei diesem Besuch womöglich erwartet! Immerhin habe ich heute am Telefon herausgefunden, dass sie scheints für eine Kaffeefirma arbeitet. Das ist ja schon mal akzeptabel. Oder heißt das was anderes? Grübel... "Kommst Du noch auf nen Kaffee rauf...?" bedeutet ja eigentlich nicht unbedingt, dass es da auch Kaffee geben könnte!

 

Wenn ich heute einen Fragebogen à la Club der Adler ausfüllen müsste, würde ich schreiben:

 

Was ist Deine Lieblingsbeschäftigung:….

Mein Forum im Internet, mich erinnern, lesen, schreiben, meinen Kindern beim Schlafen zusehen….

 

Was ist Dein Lieblingsduft:……

Heu, Spiräen, Sonnenöl, Schnee, Kaffee, Basilikum, der Geruch meines Kleinen

 

Was würdest Du am liebsten tun:….

Mich nie mehr einseifen lassen und möglichst wenig schlafen

 

 

Ich bin gespannt, was meine Freundin schreiben würde…

 

 

Die Antwort hierauf:

 

Zeit für Gedächtnispillen?

Dienstag, 16. Juni 2009

 

Sie würde laut Nachfrage schreiben, dass ihre Lieblingsbeschäftigung Kaffeetrinken in der Öffentlichkeit ist. Wie außergewöhnlich! ;-)

 

Und ich habe festgestellt, dass es Leute gibt, die ein unglaubliches Gedächtnis für die Lebensläufe anderer Leute haben. Ich wußte weder, dass die genannten etwa 50 Personen mit mir in einer Schule waren, geschweige denn, wo sie gewohnt hatten, wer ihre Freunde waren oder was sie beruflich geplant hatten.

 

Wohingegen sie sich nicht an ihren Freund zur Schulzeit erinnert hat! Den mit der schönen dunklen Haut. Und dass sie sich jemals gern hat mit Sonnenöl einreiben lassen.

 

Sprachbetrachtungen zum Wörtchen "außerdem"

Montag, 01. Juni 2009

 

Wenn ich mir dieses Wort so betrachte, mich auf das scharfe Ess konzentriere, wird mir das Wort zusehends immer fremder, so fremd, dass es mir schließlich ganz unbekannt ist und ich mich frage, ob es dieses Wort überhaupt in unserer Sprache gibt. Richte ich mein Augenmerk dann auf das „a“, zerstreuen sich meine Zweifel im Nu, und auch meine eigene sprachliche Zugehörigkeit, nicht nur die dieses Wortes, kehrt wieder zurück.

 

Aber dieses Wort ist wirklich seltsam – vorne kommt es elegant, hoch erhobenen Hauptes, mit vornehmer Blässe, penibel gewaschen mit strahlend marmornem Hals daher, und die letzte Silbe ist so trivial, so bodenständig altbacken, so gewichtslos und unspektakulär! So wie ein Einsiedlerkrebs beim Umzug, vorne gepanzert, macht richtig was her, ein archaisches Ungetüm – oder vielleicht eher Getüm, da Einsiedlerkrebse mir sympathisch sind – und hinten ein kleiner regenwurmartiger rosiger oder blasser Hinterleib, weich und schutzlos, unansehnlich und peinlich.

 

Oder so wie diese imposanten Affen, die man von vorne gerne fotografiert, aber wenn sie sich umdrehen, äh, nein danke, diesen leuchtend roten Po muss man nun doch eigentlich nicht ablichten.

 

Oder wie eine Kombination aus echtem Kaviar, stilvoll auf Eis mit Silberlöffelchen und Zitronenschnitzen mit dazu gehöriger silbernen Pressklammervorrichtung sowie Fingerbowle gereicht, dazu hellgelb geröstete Toastscheiben und Butter in gekräuselten Flöckchen mit Muster auf einer ebenfalls geeisten kleinen Platte. Das Gesicht nimmt einen blasierten Ausdruck an, die Finger, die das Besteck halten, versteifen sich in gekünstelten Bewegungen, da kommt der Kellner noch einmal vorbeigerauscht und stellt direkt neben den Kaviar in der Mitte des Tisches einen bereits etwas schäbig aussehenden Kochtopf aus Emaille, in dem Weißwürste in heißem Wasser schwimmen, aus dem Fettaugen träge über den im Lauf der Jahre vom vielen Kochen gebräunten Rand hervorstarren, sowie drei Pappteller mit Klecksen von süßem Senf und einen Stapel Holzgabeln, die er achtlos auf das feine weiße Tischtuch mit dem Lochsaum fallen lässt.

 

Das gleiche könnte man sich auch vorstellen mit einer Kombination aus gegrilltem Lachs an Rucola mit Remoulade à la Maison, optisch bereichert durch 3 safrangefärbte Kartoffelachtel und als Ergänzung dazu einen marinierten Brathering im Glas (samt Glas und Essigflüssigkeit).

 

Tja, dieses Wort „außerdem“! Wie Julius Cäsar mit einer modischen Zahnspange, die aber seine braunen Gammelzahnstümpfe mit den vielen Lücken dazwischen nicht mehr richten kann.

 

Oder wie Kleopatra im ausgeleierten Jogginganzug, auf dem Schoß eine Fernsehzeitschrift, gedankenverloren eine Hand voll Erdnussflips in den edlen Mund unter den mit Kajalstift unendlich verlängerten grünen Katzenaugen stopfend, wobei ihre goldenen Armreifen leise klimpern.

 

 

 

Danke für Dein Vertrauen, F.A.Z. Nun ist es Zeit, entdeckt zu werden!

 

Peter Handke

 

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